03 Sep. LOB UND TADEL
Vortrag im Rahmen des 18. Symposion für Persönlichkeitsstörungen. 2.-3. September 2022
1. Lob und Tadel im Verhältnis der Generationen
In Grimms Wörterbuch wird daran erinnert, dass früher mit Tadel ein Eintrag in das Klassenbuch gemeint war. Das ist gegenüber den Stockhieben, die auch an Schulen in Deutschland noch bis 1973 erlaubt waren, ein pädagogischer und zivilisatorischer Fortschritt.
Einträge in das Klassenbuch konnten mit ihrer steigenden Zahl zwar auch unangenehme Folgen haben. Sie waren gleichwohl nicht annähernd so demütigend wie Schläge mit dem Stock. Der Tadel im Klassenbuch war vor allem körperlich schmerzfrei.
Die interessanteste Variante von Lob in der Schule findet sich auch heute in Bemerkungen auf Zeugnissen über besonderen Einsatz und gemeinschaftsorientierte Haltungen, sportliche oder vergleichbare kreative Leistungen, Wettbewerbssiege und eigens hervorzuhebende Talente.
Den Höhepunkt von Lob und Tadel erfahren Schüler und Schülerinnen nach der Zeugnisübergabe in der Reaktion Ihrer Eltern, Grosseltern und sonstiger, Ihnen wichtiger Personen.
Über die Wirkungen von Lob und Tadel sind Bibliotheken geschrieben worden. Weniges davon kann zeitlose Gültigkeit beanspruchen. Vermutlich lässt sich für jedes Jahrzehnt in der Geschichte der Bundesrepublik ein kulturell spezifisch geprägter Umgang mit Lob und Tadel in Bildung und Erziehung, in Familie und Schule beschreiben.
Sie, die Expertinnen und Experten, wissen um die Ambivalenz der Wirkungen von Lob und Tadel. Sie haben viel Erfahrungen damit, wie sehr in pädagogischen Beziehungen die mentale Verfassung und die eigenen pädagogischen Erlebnisse derer, die loben und tadeln, auf ihre Kommunikation mit ihren Kindern bzw. mit Schülerinnen und Schüler wirken.
Der pädagogische Notfall bricht da aus, wo entweder Lob oder Tadel gänzlich fehlen. Das bedeutet dann auch: Lob und Tadel sind Schlüssel in den Beziehungen von Generationen. Schlüssel für Ermutigung und Entmutigung, für die Ausbildung von persönlicher Souveränität, für die Erfahrung von Wertschätzung und Demütigung, für den lebenslangen
Umgang mit all den Rückmeldungen auf unser Sosein, Entscheiden und Handeln, die wir erhalten.
Nach der Generation der 68er, die mit der Elterngeneration wegen der Nazizeit abrechneten, erleben wir nun wieder eine junge Generation, die ihre Eltern, bzw. die vorangegangene Generation tadeln ob ihres Umgangs mit den natürlichen Ressourcen. Der Tadel kommt gleichsam zurück. Eine nähere Analyse dieser Situation wird interessant, führt hier aber zu weit.
2. Lob und Tadel als Quelle von Kreativität
In diesem Sommer habe ich das Bauhaus Museum in Dessau besucht. In einem kleinen Film, der die Entstehung des Bauhauses als einer Bewegung vorstellt, war davon die Rede, wie damals auch intendiert war, Zeichen gegen die „Verwahrlosung des Geschmacks“ zu setzen.
Was steckt dahinter? Ich sage es sehr verkürzt:
Zur Zeit der Einigung des Deutschen Reiches war das Bürgertums stolz auf sein historisches Kulturgut und „begeisterte sich für die deutsche Renaissance. Möbel, Tapeten, Einrichtungen und Bauwerke wurden ‚auf Renaissance getrimmt‘“ (Bärbel Heidenreich). Der Stil der Gründerzeit geriet nach der Jahrhundertwende in die Kritik, vor allem bei den Künstlerinnen und Künstlern. Es entsteht als Reformbewegungen zunächst der Jugendstil, dann 1919 die Gründung des Bauhauses in Weimar.
„Form folgt Funktion“ ist die Idee für die neue Ästhetik, die klar und ohne jeden Schnörkel ist und bis heute viele Fans hat.
Der scharfe Tadel von Kunstschaffenden an – in ihren Augen – um sich greifenden Geschmacklosigkeiten hat damals zu einer neuen Bewegung geführt, die weit über Handwerk, Kunst und einer neuen Funktionalität hinausging. Sie betraf auch die pädagogische Kultur. So wird in Dessau an László Moholy-Nagy und sein Buch „Von Material zu Architektur“ (1929) erinnert, das auch ein Kapitel zu „Erziehungsfragen“ enthält.
Der Tadel des Autors an der herkömmlichen Pädagogik lautete, sie gehe von einem „sektorenhaften Menschen“ aus. Sein Plädoyer: „weg vom herkömmlichen Lernen, hin zur Entfaltung der jedem Menschen zugesprochenen Schöpferkraft“. Das Plädoyer ist zeitlos und bis heute Schlüssel und zugleich Stachel für schulpädagogische Debatten.
Es lassen sich viele andere Beispiele nennen, wie Personen und Gesellschaften Kreativität entwickeln zu neuen Formen und Stilen, Wegen und Projekten, Perspektiven und Emanzipation, die ihren Auslöser in der Erfahrung von Lob und Tadel haben.
3. Lob und Tadel in Führungskulturen
In meinem beruflichen und politischen Leben hatte ich manchen Chef und eine Chefin. Die Chefin zeichnete sich dadurch aus, dass sie selten lobte. Sie folgte da der schwäbischen Einstellung (auf Hochdeutsch formuliert): „Nicht geschimpft ist genug gelobt.“ Dafür hatte sie die angenehme Eigenschaft, einen Tadel in eine nahezu liebevolle Form zu bringen, die dann so klang: „Könntest Du (oder könntet Ihr) nicht auch mal versuchen, anders als bislang
vorzugehen? Es gab auch die Variante, (an die jüngst Ulla Schmidt in einem Interview erinnert hat): „Ist da noch was drin?“ Letztere Frage stellte sie, wenn zwei Mitglieder des Kabinetts stritten, um einen Kompromiss anzumahnen. Ich erinnere mich an manche Variante dieser Art der Kommunikation. Es war dann klar: der bisher gegangene Weg bzw. die bislang gewählte Vorgehensweise ist nicht optimal, nicht genügend wirksam oder wie auch immer – eben suboptimal. Der kommunikative Weg schloss eine Geschichte nicht mit der Niederlage des oder der Getadelten ab, brachte vielmehr Potential ins Spiel, das geeignet war, eine vorübergehende Niederlage in einen Erfolg zu verwandeln.
Führungsstärke und eine daraus resultierende souveräne Führungskultur verteilt nicht nach Gutsherrenart oder Gutsdamenart Lob und Tadel, bringt stattdessen Potential ein, das hilft, Sackgassen zu verlassen, andere Möglichkeiten zu entdecken, neue Wege zu gehen und Dynamik in die zu bewältigenden Aufgaben und (weil das heute so notwendig ist) Prozesse der Transformation zu bringen. Vermutlich werden die Transformationen in Unternehmen, Verbänden, Schulen und Hochschulen, Parteien und Regierungen nicht realisiert werden können, wenn es keine Kulturen von Lob und Tadel gibt, die beim Loben und beim Tadeln nicht zugleich Potential aufzeigen und Türen öffnen. Dann sind Lob und Tadel auch Ausdruck von Wertschätzung und Vertrauen. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass zur Realisierung von Prozessen jedweder Transformation eine der Transformation adäquate Führungskultur gehört. Die ist bislang eher selten zu finden. Eher werden Lob und Tadel als Statussymbol eingesetzt, zementieren eine Hierarchie und bleiben die Antwort auf das Potential für Alternativen zum besprochenen Vorgehen schuldig.
Kurzum: die Bedeutung von souveränen Führungskulturen für die angemahnten Prozesse der Transformation sind deutlich unterschätzt.
4. „Von Lob und Tadel“ – Wie aus einer anderen Welt!
Blicke ich auf öffentlich geführte Debatten, so kommt mir die Rede über Lob und Tadel wie aus einer anderen Welt vor. Sich rasch steigernde Empörung auf der einen Seite und verehrungsgeneigte Euphorie auf der anderen Seite prägen unsere Debattenkultur. Die Empörung wirkt so maßlos wie die Verehrung. Der öffentliche Pranger lauert überall. Der Status der Ikone ebenso. Zur Ikone erhoben zu werden, ist für einen Menschen des öffentlichen Lebens gefährlich und oftmals der Weg zum Pranger nicht weit.
Ein Beispiel ist das Ehepaar Christian und Bettina Wulff. Als Christian Wulff 2010 Bundespräsident wurde, war die Begeisterung darüber gross, dass nun eine junge Familie ins Schloss Bellevue einziehen werde. Deutschland, so war zu lesen, stehe nun in der Welt ganz anders da: jung, attraktiv, modern und dynamisch. Bettina verkörperte kein Müttergenesungswerk und ihr Mann, der Bundespräsident, galt als ein moderner Mann, wie ihn Schloss Bellevue noch nicht gesehen habe. Am 3. Oktober 2010 sagte der Bundespräsident in seiner Rede: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Ich war damals vor Ort und hörte um mich herum die erste Flüsterei über einen angeblich schweren Fehler, darüber, dass er sich nun warm anziehen müsse, Kopfschütteln, Verachtung und wenig Bereitschaft, sich mit diesem Satz und der dahinterstehenden Realität in Deutschland auseinanderzusetzen. Er erhielt für diese Rede weder Lob noch Tadel. Er erntete Reaktionen der Empörung wie der Euphorie.
Spätestens die Reise des Ehepaares Wulff in 4 Golfstaaten verzückte manche Pressemenschen so sehr, dass Überschriften wie „… mit den Wulffs in 1001 Nacht…“ zu lesen waren und umfangreiche Fotoserien abgedruckt wurden, die ein Traumpaar von bislang nicht gekannter Eleganz in Deutschland zeigten. Deutschland hatte das ideale Präsidentenpaar, an dessen Eleganz und Esprit niemand aus der politischen und präsidialen Klasse bislang herangekommen war. Zu dieser Bewertung kamen die einen Meinungsmacher. Die anderen schmollten über den Satz zum Islam.
Ein gleichsam ikonisches Paar repräsentierte Deutschland, wenn man den Bildern von Reisen und gesellschaftlichen Ereignissen folgen wollte.
Ein angeblich unverzeihlicher Fehler in einer Rede an einem besonderen Tag, dem 3. Oktober, brachte dem Bundespräsidenten gleichzeitig Verachtung und schliesslich die politische Vernichtung ein. Er trat 2012 zurück. 10 Jahre danach bleibt uns ein Bobby Car für Linus, den kleinen Sohn, in Erinnerung.
Ich belasse es bei diesem einen Beispiel, weil ich es aus der Nähe erlebt habe, weil ich mich noch gut erinnere, wer damals was gesagt, geschrieben und gedruckt hat. Diese Einzelheiten spielen für unser Thema keine Rolle.
Es ist das Drehbuch von „Hosianna“ und „kreuzige ihn“, das ich herausarbeiten wollte. Diesem Drehbuch folgen heute immer mehr öffentliche Debatten. Zivilisierende Kommunikationen, zu denen auch Lob und Tadel gehören, haben da keine Chance. Die Öffentlichkeit, so heisst es dann, will Blut sehen. Das Jagdfieber, einmal ausgebrochen, ist in solchen Zeiten nicht mehr zu stoppen. In allen Debatten über das Verhalten von Menschen im öffentlichen Leben, sind auch Fehler feststellbar. Da uns der Umgang mit Fehlern im Sinne einer souveränen Fehlerkultur abhanden gekommen ist, steigern wir uns stattdessen in Empörung und entstehen regelmässig Drehbücher, die alles Geschehen letztlich in die öffentliche Vernichtung münden lassen. Das trägt nach meiner Überzeugung auch zu einem sich zunehmend erhöhenden Aggressionspegel in unserer Gesellschaft bei – in vielen anderen Gesellschaften ebenso. Was wir mit Lob und Tadel verbinden, kennt das Maß. An die Stelle tritt immer häufiger Maßlosigkeit.
Zivilisierende, weil maßvolle Haltungen werden ersetzt durch Empörung und Aggression. Manchmal geht der Weg vom „Hosianna“ zum „kreuzige ihn / kreuzige sie“ schnell.
Martin Schultz, der frühere Präsident des EU-Parlamentes, dann Kanzlerkandidat der SPD und heutige Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung hat den Weg vom „Erlöser“ zum „Geächteten“ in 12 Monaten erlebt.
René Pfister, seit 2019 Büroleiter des SPIEGEL in Washington, hat in diesen Tagen ein Buch mit dem Titel „Ein falsches Wort, Wie eine neue linke Ideologie unsere Meinungsfreiheit bedroht““ veröffentlicht.
Er beschreibt jene Bewegung in den USA, die im Namen von Antirassismus und Gleichberechtigung eine umfassende Veränderung und gleichsam Reinigung der Sprache einfordert. Wer dem nicht folgt, erlebt Shitstorm, Aggressivität und auch das Ende beruflicher Laufbahnen.
Damit bekommt die Maßlosigkeit eine neue Stufe der Erregung, die jeden und jede treffen kann. „Kreuzige ihn / kreuzige sie“ folgt dann auf einen vermeintlich falschen Sprachgebrauch, der als Ausdruck von falschem Denken identifiziert wird.
Lob und Tadel erscheinen mir angesichts solcher Erfahrungen als eine überaus wohltuende Weise des Feedback.
5. Lob und Tadel in Heiligen Texten
Das Buch der Psalmen
Abschliessend möchte ich aus den vielen heiligen Texten der Religionen das Buch der Psalmen herausgreifen. Menschen des jüdischen und des christlichen Glaubens lesen, interpretieren und beten Psalmen seit 3000 Jahren. Das Buch der Psalmen enthält 150 poetische Texte und gehört zu den herausragenden Büchern der Menschheitsgeschichte. Sie werden gelesen, gebetet und in Klöstern gesungen. Dietrich Bonhoeffer nennt die Psalmen „Das Gebetbuch der Bibel“. Bekannte Übersetzungen stammen (neben Martin Luther) von Martin Buber, Romano Guardini, den Mönchen von Münsterschwarzach und Arnold Stadler. Psalmen sind grosse Dichtung über den Menschen vor Gott und in der Auseinandersetzung mit ihm. Lob und Tadel finden sich darin zuhauf. Dies auch deshalb, weil in diesen 150 Texten bzw. Gebeten nahezu alles ins Wort gebracht wurde, was Menschen erleben, erhoffen, betrauern und Gott gegenüber beklagen. Und ebenso ist darin zu lesen, was Gott dem Menschen zusagt, vorwirft und empfiehlt. Es ist schwerlich eine existentielle menschliche Situation vorstellbar, die nicht in den Psalmen beschrieben wird. Es finden sich Worte des Lobes, die in einen überschwänglichen Lobpreis münden, ebenso das Lob voller Demut. Wenn Gott lobt, dann wirken die Worte beruhigend, bestätigend und ermutigend.
Der Tadel Gottes hat vor allem einen mahnenden Ton. Der Tadel des Menschen gegenüber Gott hat den Klang der Frage und der Klage.
Martin Luther schreibt über die Psalmen: „Wo findet man feinere Worte als in den Lob- oder den Dankpsalmen? … Andererseits, wo findest du tiefere, von Klage und Jammer erfüllte Worte der Traurigkeit als in den Klagepsalmen?“ Zwei kurze Beispiele – in der Übersetzung von Martin Luther – für Dank und Klage in den Psalmen, die Lob und Tadel entsprechen, will ich zitieren:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich,
doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Psalm 22, 2+3
Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken
und lobsingen deinem Namen,
du Höchster,
des Morgens deine Gnade
und des Nachts deine Wahrheit
verkündigen.
Psalm 92, 2+3
6. Lob und Tadel
Das sind wenige Gedanken, die mir gekommen sind – zu dem Thema, das Sie mir gestellt haben. Worüber ich gesprochen habe, hat viel mit meinen Erfahrungen zu tun und mit Beobachtungen von grossen Veränderungen, die wir gerade erleben – in der Sprache, in den Beziehungen zwischen den Generationen, in Politik und Kultur. Am Ende komme ich auf die Religionen, deren heilige Texte uns an Worte, Bilder und Sprachen erinnern, die Menschen seit tausenden von Jahren berühren. Sie kennen besondere Kulturen von Lob und Tadel, die zu den Erfahrungen von Transzendenz gehören.
Schliesslich: Die Reaktion auf Veränderungen ist – historisch betrachtet – nicht zum ersten Mal mit der Gefahr verbunden, alles Maß zu verlieren.
Lob und Tadel stehen für eine Kultur, in der Maß und Wertschätzung viel bedeuten.
(Es gilt das gesprochene Wort)