Z U K Ü N F T I G E S

Wohin Wege führen ist so bedeutsam wie ihr Woher

 

Wenn Kirche die Zukunft fürchtet, wenn ihr Blick rückwärtsgewandt ist und Zukünftiges für sie ohne jede Verheißung, dann übersieht sie, was in die Zukunft führt: der Glaube der Menschen, ihre Fragen, ihre Zweifel und ihre Präsenz. 

 

I.

Wie wir es mit der Zukunft halten, ist so wichtig wie unser Umgang mit der Vergangenheit. Wie wir die Gegenwart deuten, wirkt so aufschlussreich wie die Deutung der Geschichte. Das beschäftigt mich seit Studientagen, die in die Zeit bald nach dem II. Vatikanischen Konzil fielen. Das waren Jahre des Aufbruchs und einer großen Zuversicht, als Christen und als Kirche die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und darauf angemessene Antworten geben zu können. Es ist nicht zu unterschätzen, was das Konzil geleistet hat. Die Biographie über Papst Pius IX mit dem Titel „Der Unfehlbare“, die Hubert Wolf gerade veröffentlicht hat, zeigt noch einmal deutlich, wie groß die Ablehnung der Moderne in diesem Pontifikat gewesen ist. Damals war die Antwort der Kirche auf Veränderungen in der Welt, sich von allem vermuteten und tatsächlichen Zukünftigen abzuwenden, verbunden mit der Absicht, die Kirche zu einem eigenen Kosmos zu stilisieren, dem die Deutungsmacht über das Leben der Menschen und den Lauf der Welt zusteht. [1]

Dem ist das II. Vatikanische Konzil nicht gefolgt. Es hat ein neues Selbstverständnis der Kirche formuliert. Der Papst, der das Konzil eröffnete, erwartete von den Konzilsvätern, die Zeit verstehen zu lernen. Der Papst, der das Konzil beendete, flog in den letzten Wochen des Konzils nach New York und hielt vor der UN-Vollversammlung eine viel beachtete Rede, mit der sich die katholische Kirche gleichsam auf der Bühne der Welt zurückmeldete. Das war übrigens die erste Reise eines Papstes, die ihn aus dem Vatikan führte.

 

II.

Heute wissen wir, dass das Konzil mit dem, was es als Zeichen der Zeit erkannte, seiner Zeit hinterherhinkte. Wir erinnern uns auch an die Situationen, in denen bereits erreichter Fortschritt gestoppt wurde. Wir wissen um die unterschiedlichen Rezeptionen des Konzils in den verschiedenen Regionen der Weltkirche, die nun – 55 Jahre danach – aufgearbeitet werden. Wir sind heute weit entfernt von einer Aufbruchstimmung. Das betrifft nicht nur, wie oft behauptet, Deutschland und Europa. Kirchliche Dynamik lässt sich am ehesten in asiatischen Ländern beobachten, die allerdings aus vielfältigen Gründen – auch durch Religionsverfolgungen – gefährdet ist. Die Dynamik betrifft das Christentum allgemein, weniger die katholische Kirche.

Meiner Generation kann man mit Recht sagen, wir sollten die eher nostalgische Betrachtung des II. Vatikanischen Konzils einstellen. Sie hat uns zu stark die Kirche als Institution in den Mittelpunkt stellen lassen. Wir haben uns an ihrem institutionellen Charakter abgearbeitet und diese Rolle überhöht. So empfinde ich das heute. Immer mehr, dem Christentum gegenüber wohlwollend eingestellte Menschen verstehen unsere Sprache, die Themen und die Konflikte nicht mehr. Das ist kein Phänomen von Randständigen. Das ist auch in der Mitte der Kirche so.

Hinzu kommt der resignierende Blick der Institution in die Zukunft. Sie vermag mit den Umwälzungen, in denen die Welt und auch sie steckt, nichts anzufangen. Ihr Blick ist rückwärtsgewandt. Zukünftiges ist für sie ohne jede Verheißung. In der Zukunft aber – so hat es Karl Rahner immer wieder betont – liegt die eigentliche Provokation. Es kann nie nur relevant sein, was bislang gedacht und erkannt ist. Rahner hat schon vor fünfzig Jahren davon gesprochen, dass die Vitalität und die missionarische Kraft der Kirche schwinde, wenn sie das Neue fürchte.[2]

 

III.

Es klingt komisch, aber ich frage es dennoch: Kann nicht die Pandemie unsere Augen dafür öffnen, dass uns Zukünftiges mehr beschäftigen muss als die Vergangenheit? Dann bleibt es nicht bei den „Zeichen der Zeit“ von heute, dann ist Geistesgegenwart gefragt, die das Unvorhersehbare wahrnimmt, die öffentliche Räume gestaltet und kulturschaffend wirkt. Dann kann eine neue Präsenz entstehen, zu der es kein Amt braucht. Es braucht dazu geeignete Sprachen und einen Blick auf die Schätze, die uns umgeben und förmlich danach schreien, von uns als Brücken zur Botschaft der Christenheit entdeckt zu werden. Stille, Schweigen und ein Auge für die Schönheit gehören dazu.

Die eindringlichen Verse der Psalmen sind neu zu entdecken und immer wieder die Geschichten, die von den Begegnungen Jesu mit Menschen erzählen. In ihnen steckt so viel Botschaft, die für Menschen heute ermutigend sein kann und die vor allem hilft, dass wir wieder jene Fragen erkennen, die wir stellen sollten. Unsere Zeit ist ja nicht arm an Antworten. Ihre Armut betrifft eher die Erfahrung, dass uns die Fragen ausgegangen sind. Vielfach suchen wir nicht einmal mehr nach ihnen. Wir verwalten Antworten, die nicht mehr überzeugen. Das haben wir gemeinsam mit mancher Institution, die sich über ihren Autoritätsverlust wundert.

Jetzt ist die Zeit, der Zukunft ins Auge zu schauen, sich nicht vor ihr zu verschließen. Jetzt ist die Zeit für neue Fragen und dafür, den Wert der kleinen Einheit in der Kirche zu entdecken. Vielleicht folgt dann auf die Zeit der untauglichen, weil technokratischen Verwaltungskonzepte eine Zeit, in der der Glaube von Menschen, ihre Fragen, ihre Zweifel und ihre Präsenz, Wege in die Zukunft weist. Wir sollten bald damit beginnen.

Der Beitrag ist zuerst auf der Internetseite www.feinschwarz.net, am 10. August 2020 erschienen. 

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[1] Hubert Wolf spricht im Untertitel seines Buches von der „Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert“ durch Pius IX. Die Biographie erschien jüngst bei C.H.Beck in München. Was damals geschah, wirkt bis heute. Es konterkariert viel von dem, was das II. Vatikanische Konzil formuliert hat. Mittlerweile wird zu viel Widersprüchliches verkündet, das die schweren internen Konflikte zeigt und kein stimmiges Bild ergibt.

[2] Im Band 14 seiner „Schriften zur Theologie“, der den Titel „In Sorge um die Kirche“ trägt, geht Rahner in mehreren Beiträgen auf die Gefahren für die Kirche ein, wenn sie sich der Gegenwart verweigert und die Zukunft fürchtet.

Bild: Privat.