Streit und Dialog

Die Erinnerung an den früheren ZdK-Generalsekretär Friedrich Kronenberg (1933–2025) lässt den aktuellen Streit zwischen Kirche und Politik in anderem Licht erscheinen.

Man möge einen Streit zwischen Kirche und CDU/CSU nicht überbewerten, so habe ich vor einigen Tagen geraten, nachdem ein Brief von Anne Gidion und Karl Jüsten, den Bevollmächtigten der beiden christlichen Kirchen bei Parlament und Regierung, kritisiert wurde.
Der Tod von Friedrich Kronenberg, der 33 Jahre Generalsekretär des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken gewesen ist (1966–99), veranlasst mich, auf ihn und auf meine bislang nur kurze Einschätzung der Streitlage ausführlicher einzugehen.

Friedrich Kronenberg begann sein Amt beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) kurz nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils. Da war in der Kirche eine umfassende Aufbruchstimmung zu spüren. Euphorie lag in der Luft. Bernhard Hanssler, der damalige geistliche Direktor des ZdK, sagte zur Eröffnung des 81. Deutschen Katholikentages in Bamberg im Juli 1966: „Das dialogische Prinzip ist das Ferment einer sich wandelnden Kirche … Die Kirche hat sich selbst und der ganzen Welt eine neue Idee, ein neues Verfahren und eine neue Hoffnung gegeben.“

Es war eine Zeit, in der sich manche an die Gründung der katholischen Laienbewegung am 3. Oktober 1848 erinnerten. Das war der Aufbruch der Laien zu politischer Gestaltung gewesen, eine Bewegung für den Respekt vor der Freiheit und der unverwechselbaren Würde jedes Menschen. Von diesen Ideen war auch Friedrich Kronenberg zutiefst überzeugt. Er lebte sie, er warb leidenschaftlich dafür, und er wurde ein bedeutender Brückenbauer zwischen Kirche und Politik. Zeitweilig war der Volkswirt Mitglied des Deutschen Bundestages, bevor er sich wieder ganz dem ZdK widmete. Er verkörperte den politischen Katholizismus, der nach dem Zweiten Vatikanum neuen Schwung bekam. Der jungen Bundesrepublik taten Brückenbauer und versöhnende Kräfte gut.
Es entstand sozial, politisch und kulturell eine starke Mitte in der Gesellschaft. Friedrich Kronenberg war als Politiker davon überzeugt, dass die ethische Dignität des Kompromisses zur Kunst des Politischen in der Demokratie gehört. Und er plädierte als Christ in kirchlichen Debatten für eine Profilschärfung durch Dialog. Er war nicht so naiv zu meinen, der Dialog sei eine Zauberformel, die alle Probleme aufhebt. Er wusste auch, dass darin die Versuchung einer Anpassung steckt, die der eigenen Bequemlichkeit geschuldet ist. Er war zugleich davon überzeugt, dass das Profil des Christentums ohne das Bemühen um Dialog ins Abseits gerät.

Friedrich Kronenberg war ein unerschrockener Mann, durchsetzungsstark, spirituell von seinem Freund Bischof Klaus Hemmerle geprägt und wie dieser davon überzeugt, dass sich Christentum und Politik nicht wechselseitig vereinnahmen dürfen. Hemmerle hatte sogar geschrieben, Christentum und Politik sollten „einander freigeben“, um ihre je eigene Rolle glaubwürdig wahrnehmen zu können. Kronenberg verwechselte politische Leidenschaft nicht mit Aggressivität. Scharfe Worte sollten keine Brücken einreißen.
Er vermochte die Anliegen der Laien wirkmächtig zu vertreten, war Mitglied der Würzburger Synode und stand voll und ganz hinter dem Papier der Kommission „Pastorale Grundfragen“ des ZdK mit dem Titel „Dialog statt Dialogverweigerung. Impulse für eine zukunftsfähige Kirche“, das 1994 veröffentlicht wurde.

Ich war die Vorsitzende der Kommission und erinnere mich sehr genau an hitzige Debatten, maßlose Aufregung bei Kirchenmännern wie Erzbischof Johannes Dyba und Joachim Kardinal Meisner und auch ein wenig Zufriedenheit mit dem, was wir zu Papier gebracht hatten. Friedrich Kronenberg war in solchen Zeiten klar und konsequent, ermutigend und unerschrocken. Als mich Erzbischof Dyba nach einer heftigen Diskussion in Dresden vor Journalisten „die gefährlichste Frau im Katholizismus in Deutschland“ nannte, fanden wir beide das ziemlich gut.
Es ging in der Kirche damals nicht zimperlich zu. Friedrich Kronenberg erlebte am Ende seiner Zeit als Generalsekretär im Jahr 1999, dass katholische Laien Donum vitae gründeten. Das war auch ein Ergebnis des heftigen Streites zwischen kirchlichen Kreisen und CDU/CSU über den Paragrafen 218 StGB. Papst Johannes Paul II. und der Präfekt der Glaubensbehörde in Rom, Joseph Kardinal Ratzinger, hatten alle Bitten abgelehnt, eine Beratungslösung zu akzeptieren, die von katholischen Politikerinnen und Politikern im Bundestag gegen eine Fristenregelung durchgesetzt worden war. Das war eine harte Bewährungsprobe für den Dialog zwischen Kirche und CDU/CSU. Damals kursierte das Gerücht, wer Donum vitae initiiert habe und da mitmache, könne exkommuniziert werden.

Der Rückblick auf das öffentliche Wirken von Friedrich Kronenberg ist für mich mit großer Dankbarkeit verbunden. Elf Jahre (1994–2005) war ich eine der Vizepräsidenten des ZdK, vorher bereits Mitglied. Der politische Katholizismus, wie ihn Kronenberg vertrat und lebte, hat mich geprägt. Dazu gehört auch die Bereitschaft zum Streit über den richtigen Weg, der eine positive Kraft ist, wenn die Grundloyalität bleibt.
Vielleicht auch deshalb bin ich nun nicht so sehr überrascht, dass es auch heute Streit gibt – innerhalb der katholischen Kirche, weil einige Bischöfe sich von der Stellungnahme ihres Vertreters in Berlin distanzieren, weil CDU-Politiker posten, es interessiere sie nicht, was die Kirchen sagen, weil die ZdK-Präsidentin nochmal nachlegt und irgendwie der Streit – weit über die aktuellen Themen hinaus – in der Luft liegt.

Mein Rückblick ist aus einer anderen Zeit. Davon lässt sich wenig auf heute übertragen, manches allerdings schon. „Abweichler“ in der Bischofskonferenz gab es zu allen Zeiten, Konflikte zwischen Kirchen und CDU/CSU auch. Neben dem genannten Streit um die Schwangerenberatungsstellen hat es auch heftige Auseinandersetzungen um bioethische Fragen gegeben, zum Beispiel zur Stammzellforschung. Davon kann ich ein Lied singen – mit vielen Strophen. Vier-Augen-Gespräche zeigten, dass es auch unter Bischöfen eine gewisse Bandbreite der Bewertungen gab. Als Bischofskonferenz redeten sie mit einer Stimme. Als der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber in einem Text in der FAZ erklärte, dass meine Gewissensentscheidung als Forschungsministerin zu akzeptieren sei, gab es danach sogar ökumenische Verwerfungen, die bis heute dazu führen, dass nur selten gemeinsame Stellungnahmen der beiden christlichen Kirchen zu ethischen Fragen publiziert werden. Der Ökumene täte mehr Gemeinsamkeit in ethischen Fragen gut und die gemeinsame Stellungnahme der Bevollmächtigten beider Kirchen zur Migrationspolitik ist deshalb für mich ein Fortschritt.
Der gesellschaftliche und kulturelle Kontext von heutigen Konflikten ist sehr anders. Weniger als 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland gehören einer der großen Kirchen an. Katholische und evangelische Kirche haben massiv an Akzeptanz und Autorität verloren. Die Gründe sind vielfach beschrieben worden. Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Überall stehen die Zeichen auf Konfrontation – auch unter Christinnen und Christen. Das gilt besonders für die internationale Lage. Papst Franziskus, der für eine Theologie der Peripherie steht, der den Auftrag der Kirche an der Seite der Armen, Ausgegrenzten, Flüchtlinge und Schwachen generell sieht, wird dafür auch innerkirchlich heftig kritisiert. Trump wäre ohne die Stimmen amerikanischer Katholiken nicht im Amt. Personen des öffentlichen Lebens, die für Brückenbau und Versöhnung stehen, werden eher belächelt. Man unterstellt ihnen Naivität. Ihre Zeit sei zu Ende, ist zu hören. Dilemmata werden nicht ausgehalten, sondern sollen mit Klartext aus der Welt geschafft werden – koste es, was es wolle. Zu Lösungen führen Konfrontation und Drohgebärden nicht, sollen sie auch nicht. Die eigene Stärke steht im Vordergrund und ich gehe davon aus, dass dies in den nächsten Jahren die internationale Politik prägen wird. Es wird eine Weile dauern, bis sich wieder solche sehen lassen, die auf den Bau von Brücken, auf Versöhnung und auf gemeinsame Wege zur Lösung der großen Zukunftsprobleme setzen. Ich bin zuversichtlich, dass es sie gibt. Gefragt sind sie nur leider gerade nicht. Die Konfrontation wird die Welt ärmer und gefährdeter machen. Das wissen viele sehr genau, lassen sich davon aber nicht irritieren – auch in den Kirchen nicht.

Klarheit und Klartext, die gerade so beliebten Haltungen, lassen schließlich vergessen, das es im Christentum eine Vielfalt der Positionen zu nahezu allen Themen gibt. Das ist aus der Perspektive der Verantwortungsethik plausibel. Die Konsequenzen des politischen Handelns müssen immer bedacht werden. Gesinnung und Glaube geben nicht schon vor, was zu tun ist. Vor allen Abwägungen in konkreten Situationen der Entscheidung und des Handelns gibt es im Christentum allerdings eine neue Sicht auf den Menschen als Geschöpf Gottes, auf die Freiheit, zu der er bestimmt ist, auf den Respekt vor der Würde eines jeden Menschen. Das Christentum ist nicht beliebig. Zu seiner Gründungsgeschichte gehört das Leben Jesu von Nazareth, der vor allem in seinen Begegnungen mit Menschen gezeigt hat, was die neue Sicht auf den Menschen bewirkt und an neuer Lebensdynamik in Bewegung setzt. Davon sollten Streit und Dialog geprägt sein.

Streit ist nicht schon das Zeichen für Entfremdung. Gleichwohl gibt es auch Entfremdung zwischen den Kirchen und CDU/CSU und generell zwischen den Kirchen und der Politik. Sie entsteht nicht vor allem da, wo unterschiedliche Meinungen zum Streit führen. Politik hat eine andere Rolle, als die Kirchen sie haben. Vereinnahmungen sind aus den genannten Gründen nicht gewünscht und in der Sache auch nicht zielführend. Befremdlich aber ist es, wenn sich in CDU und CSU eine Gleichgültigkeit breitmacht, die in mancher Äußerung der letzten Tage sehr deutlich wird. Das „C“ im Parteinamen war immer ein Stachel. Jede Generation in der CDU und der CSU hat gewusst, dass sie den damit verbundenen Ansprüchen nie ganz Rechnung tragen konnte. Auch die Christdemokratie muss manchmal sagen, dass sich kirchliche Lehre in einer pluralen Gesellschaft nicht eins zu eins in Gesetze umsetzen lässt.
Sehr anders aber ist die Lage, wenn der Eindruck erweckt wird, glaubende Menschen und ihre Kirchen seien aus der Zeit gefallen und deshalb politisch nicht relevant. Kirchliche Stellungnahmen gar als Skandal zu bewerten, das beschädigt ein Potential im gesellschaftlichen Zusammenleben, das von Politikerinnen und Politikern bei jeder Papstaudienz vorgetragen wird.

Manche sprechen von einem Segen, der im Wirken der Kirchen liege. Daran sollten wir uns auch erinnern, wenn Kritik aus den Kirchen kommt. Es muss aus Interesse aneinander gesprochen, gerungen und auch gestritten werden. Die Christdemokratie hat da eine besondere Aufgabe – seit ihrer Gründung als ein ökumenisches Projekt und im Wissen darum, dass Religionen die Quelle von Hoffnungen, Haltungen und Werten von Menschen sind. Das gilt nicht nur für das Christentum in modernen Gesellschaften. Das gilt auch angesichts von steigendem Antisemitismus, der das „Nie wieder“ infrage stellt; das gilt, wenn sich plötzlich alle Menschen mit Migrationsgeschichte unerwünscht fühlen; das gilt, wenn die Angst und die Unsicherheit von Menschen vor dem Fremden und vor den Fremden instrumentalisiert werden für völkische Gedanken. Dann sind die christdemokratische und die christsoziale Politik besonders gefragt. Das gilt für öffentliche Debatten und es gilt für das Regierungshandeln. Das ist nicht aus der Zeit gefallen, auch, weil weltweit die Bedeutung der Religionen wächst.

Weil das alles so ist, sollte auch das ZdK heute nicht leichtfertig Brücken einreißen. Der politische Katholizismus gewinnt in der globalen Welt an Bedeutung. Die Weltkirche ist auf allen Kontinenten präsent und so global ausgerichtet, wie niemand sonst. Als Mitglieder der Weltkirche die Welt gestalten, das macht das Zentrum der Laienbewegung aus. Da lässt sich viel bewirken. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands und Europas wuchs die politische Vielfalt auch im ZdK. Es profitierte von den neuen Erfahrungen aus Ostdeutschland. Ich erinnere an Hans Joachim Meyer, einen prägenden Präsidenten und ebenso starken Wissenschaftspolitiker.

Politischer Katholizismus heute braucht einen klaren Blick auf die Zukunftsfragen der globalen Welt. Er steht für die Alternative zu einer auf Konfrontation ausgerichteten globalen Ordnung. Er kann aus bedeutsamen Dokumenten von Papst Franziskus schöpfen und aus seiner Theologie der Peripherie. Er ist Teil der Weltkirche, deren Mitgliederzahlen steigen und deren Bedeutung wächst. Er steht für eine lebendige Verbindung von Politik und Spiritualität, den Sinn für Tradition und Inkulturation. Sein Erfolg wird gemessen an den Impulsen für die Kunst des Politischen, nicht an der Zahl der Sitzungen. Die Christdemokratie ist in allen Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland strukturell ein Glücksfall. Das anerkennen auch andere Parteien. Warum wohl ist das wichtigste Ziel von Maximilian Krah, einem einflussreichen AfD Politiker, nach eigener Aussage, die Zerstörung der CDU? Das „C“ im Parteinamen schützt nicht vor Fehlern; es bleibt ein Stachel, der in diesen Zeiten der Konfrontation weltweit für eine Welt steht, in der Menschen geachtet und in ihrer Würde respektiert werden. Hinter diesem Anspruch bleiben wir zurück. Darüber kann dann gestritten werden. Ignorieren sollte auch das ZdK die Christdemokratie so wenig wie die C-Parteien die Kirchen.

Wenn in der langen Geschichte des Laienkatholizismus ein weiteres Kapitel geschrieben werden soll, dann geht das nur mit dem Willen zum Dialog mit allen demokratischen Parteien und mit dem Interesse an christlichen Persönlichkeiten, die das Spektrum der Politik in Zukunft ausmachen. Dann sollte politische Leidenschaft nicht mit Aggressivität verwechselt werden. Der politische Katholizismus ist das Fundament für den Laienkatholizismus. Ein ZdK gäbe es nicht, wenn dieser politische Katholizismus nicht wirksam wäre. Wenn er das nicht mehr sein kann, dann braucht es auch kein ZdK.

Der Beitrag ist erschienen in: Christ in der Gegenwart 7/2025