29 Mai Hertie-Notizen Mai 2025
Liebe Leserinnen und Leser,
zum ersten Mal erscheint der Jahresbericht der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung ausschließlich digital – ein Zeichen dafür, dass wir nicht nur auf eine traditionsreiche Geschichte zurückblicken, sondern zugleich stets zeitgemäß und zukunftsorientiert handeln möchten. Durch die digitale Form können wir unser Wirken lebendiger und moderner darstellen und Ihnen einen vielseitigen Einblick in das ereignisreiche Jahr 2024 geben. Es war ein besonderes Jahr: Wir feierten unser 50-jähriges Jubiläum mit einem Abend der Begegnung auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt, veranstalteten einen inspirierenden Hertie Summit mit rund 800 internationalen Alumni in Berlin und belebten im Advent die Tradition eines Europäischen Adventskonzerts in der Sophienkirche in Berlin-Mitte neu, das über 1.000 Gäste bewegte.
Ein besonderer Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Stärkung der Demokratie. Handlungsempfehlungen der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ haben bereits Eingang in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung gefunden. Mit „Leaders for Democracy“ unterstützen wir gezielt junge Führungskräfte darin, gesellschaftspolitische Verantwortung aktiv zu übernehmen. Auch in der Neurowissenschaft setzen wir entscheidende Impulse, insbesondere mit unserem jungen Hertie Institute for AI in Brain Health in Tübingen, das die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz in der Hirnforschung innovativ vorantreibt. Das Symposium zur Eröffnung des Instituts im November war ein weiterer Höhepunkt des vergangenen Jahres.
„Unsere Projekte stärken demokratische Werte und schaffen Räume für kritische Reflexion und gesellschaftliches Engagement.“
Von besonderer Bedeutung bleibt unser Engagement gegen Antisemitismus. Mit unserem Fonds für Antisemitismus-Bekämpfung und Aufklärung fördern wir innovative und nachhaltige Projekte, die junge Menschen erreichen und aktiv gegen Hass und Diskriminierung wirken. Zu den bisher unterstützten Projekten gehören unter anderem die Schulprojekttage „Gegen Hass und Hetze“ zur Sensibilisierung gegen Antisemitismus in sozialen Medien, das Projekt „Digital Holocaust Memorial“, das Jugendlichen einen dialogischen und partizipativen Zugang zur Shoah-Erinnerung bietet, und die Veranstaltungsreihe „Köfte Kosher 2025“, die jüdisch-muslimische Kulturbegegnungen fördert. Diese Projekte stärken demokratische Werte und schaffen Räume für kritische Reflexion und gesellschaftliches Engagement.
Ich lade Sie herzlich ein, sich im digitalen Jahresbericht weiter über unsere Aktivitäten und Ergebnisse zu informieren und wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.
Ihre Annette Schavan
Neurowissenschaften in Tübingen
Erfolgreiche Bewerbung um Exzellenzcluster
Wir gratulieren dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung herzlich zum bewilligten Exzellenzcluster „Image-guided and Functionally Instructed Tumor Therapies“, an dem Forschende des HIH beteiligt sind. Ebenso freuen wir uns über die erfolgreiche Beteiligung des Hertie Institute for AI in Brain Health im Exzellenzcluster „Maschinelles Lernen: Neue Perspektiven für die Wissenschaft“ mit Sprecher Prof. Philipp Berens.
Interviews
„Frauen haben im Durchschnitt weniger Einkommen und auch weniger Vermögen als Männer“
Claudia Müller, Hertie School Alumna
Claudia Müller ist die diesjährige Preisträgerin des Alumni Achievement Award 2025 der Hertie School. Im Interview spricht sie über die Bedeutung finanzieller Unabhängigkeit für echte Gleichstellung. Das Anliegen der Gründerin des „Female Finance Forum“: mehr Sichtbarkeit und Unterstützung für frauenspezifische Finanzthemen. Die Alumna, die 2016 ihren Abschluss an der Hertie School machte, sieht ihre Zeit an der Hochschule als prägend für ihre berufliche Entwicklung an. Die Preisverleihung findet am 14. Juni in Berlin statt.
Fachtagung Demokratie und Schule
Warum es auf die Schulen ankommt
Wie kann Demokratiebildung an Schulen gestärkt werden? Dieser Frage widmete sich am 20. Mai die Fachtagung „Demokratie und Schule“ in Berlin – veranstaltet von der Hertie-Stiftung gemeinsam mit der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz. Mit dabei: Bundesministerin Karin Prien und weitere Gäste aus Politik, Wissenschaft und Bildungspraxis. Im Fokus standen Themen wie mehr Autonomie für Schulleitungen und konkrete Anreize wie ein Demokratiebudget. Grundlage bildeten u. a. die Empfehlungen der Hertie-Kommission Demokratie und Bildung.
Exzellente Neurowissenschaften
Eric Kandel Prize 2025
Die Ausschreibung für den Eric Kandel Young Neuroscientists Prize 2025 läuft: Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die exzellente Forschung im Bereich der Neurowissenschaften betreiben, können bis zum 24. Juli 2025 nominiert werden. Der Preis ist mit insgesamt 100.000 Euro dotiert und wird von der Hertie-Stiftung in Kooperation mit der Federation of European Neuroscience Societies (FENS) vergeben. Die offizielle Bekanntgabe des Preisträgers bzw. der Preisträgerin erfolgt im Herbst 2025.
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Neue Methode zur Muskelmessung
Ein Forschungsteam des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung hat gemeinsam mit der Universitätsmedizin Tübingen eine neue Methode zur Muskelmessung entwickelt. Mithilfe von Quantensensoren können Muskelströme erstmals kontaktlos, präzise und in Echtzeit erfasst werden. Die Technologie eröffnet neue Perspektiven für die Diagnose und Therapie neurologischer Erkrankungen. Das Verfahren wurde erfolgreich an Probanden getestet und soll künftig auch bei Patienten zum Einsatz kommen.
Business Council for Democracy
Netzwerktreffen in Frankfurt
Wie unterwandern Desinformationen unsere Demokratie? Dazu diskutierten die Teilnehmenden des Netzwerktreffens des Business Council for Democracy (BC4D) Mitte Mai in Frankfurt. Teresa Dapp vom dpa-Faktencheck-Team gab im Workshop Einblicke in aktuelle Herausforderungen: Desinformationen wirken emotional, verbreiten sich schnell und lassen sich nur schwer zurückholen. Faktenchecks sind ein wichtiges Instrument, stoßen aber an Grenzen. Umso wichtiger bleiben Monitoring, Medienkompetenz und eine starke Zivilgesellschaft im digitalen Raum.
Europatag in Warschau
Jugend debattiert in Polen
Am 26. Mai fand in Warschau der Jugend debattiert-Europatag statt, mit einer Paneldiskussion in der Deutschen Botschaft zum Thema „Democratic Innovation in Challenging Times“. Im Fokus standen aktuelle Entwicklungen in Polen und Europa. Auf dem Podium: Juristen, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten. Die Veranstaltung brachte Alumni und Debattierende aus mehreren Ländern zusammen. Im Anschluss folgten die Landesfinale von Polen und der Ukraine. Jugend debattiert ist seit 2004 in Polen aktiv und seit 2007 in der Ukraine – auch jeweils mit einem internationalen Finale.
Neuroblog Hirn und Weg
Kognitive Verzerrungen: Warum unser Gehirn uns oft in die Irre führt
Ob Ankereffekt, Bestätigungsfehler oder der Halo-Effekt – unser Gehirn greift im Alltag auf schnelle Denkabkürzungen zurück, sogenannte Heuristiken. Diese sind effizient, führen aber oft zu systematischen Denkfehlern. Nobelpreisträger Daniel Kahneman unterscheidet dabei zwei Denksysteme: das intuitive, fehleranfällige System 1 und das reflektierte, langsamere System 2. Achtsamkeit und kritisches Denken helfen, Verzerrungen zu erkennen – und Entscheidungen bewusster zu treffen.