10 Nov. FURCHT SOLL NICHT DER CHRISTEN BEGLEITER SEIN
Predigt beim Festgottesdienst am Fest des Hl. Tiberius 2025
Klosterkirche Obermarchtal
Der Hl. Tiberius wird als Märtyrer der frühen Kirche verehrt. Märtyrerinnen und Märtyrer gab es damals und gibt es heute.
An den ersten Märtyrer der Christenheit, den Hl. Stephanus, erinnern wir am 2. Weihnachtstag. Kaum ist die Weihnachtsbotschaft verkündet, fliegen Steine. So war das immer wieder.
Heute sind Christen weltweit die am meisten verfolgte Gruppe.
Sie sind wahrlich mit jetzt 2,63 Mrd. (2024) Christen weltweit keine Minderheit. Jeder dritte Mensch auf der Welt ist ein Christ bzw. eine Christin. So, wie das Christentum am Anfang – in der Antike – eine grosse Irritation war, so irritieren Christen bis heute.
Warum ist das so?
Weil die Sicht des Christentums auf den Menschen eine Revolution war; eine Zeitenwende, die alles bisherige Denken über den Menschen auf den Kopf stellte. Jesus hatte immer wieder davon gesprochen, besonders bei seinen Begegnungen mit Menschen auf all den Wegen, auf denen er mit seinen Jüngern in Galiläa unterwegs war. Es sind die Begegnungen mit der Frau am Jakobsbrunnen, mit dem reichen Mann, mit der Ehebrecherin, mit Zachäus, dem Zöllner. Sie alle spüren: was er sagt, das ist neu, das gibt meinem Leben eine neue Perspektive. Als die Umstehenden Steine aufhoben, um die Ehebrecherin zu steinigen, da hielten sie plötzlich inne bei seinen Worten und warfen die Steine wieder in den Sand. Was er sagte, das irritierte sie und zog sie zugleich in seinen Bann.
Seine Sicht auf den Menschen und die Sicht der Christenheit auf den Menschen ist geschärft von der Überzeugung, dass allen Menschen die gleiche und unantastbare Würde zukommt, die ihm von Gott gegeben wurde – wirklich allen Menschen! Niemand ist davon ausgeschlossen!
Jesus predigte Barmherzigkeit. Er warb für die Freiheit. Er lehrte die, die mit ihm unterwegs waren, beten und erwartete von ihnen einen Blick für die Armen und für das, was sie brauchen.
Wir haben das schon hundertmal gehört. Manche langweilt das längst. Andere nennen es Gutmenschentum, nicht machbar, nur idealistisch.
Eigentlich aber ist es die Grundlage für eine zivilisierte Menschheit.
Und es das Menschenbild, das Europa zu Größe und Attraktivität gebracht hat – mit dem auch Deutschland seinen Weg zurück in die Völkergemeinschaft gefunden hat. Es ist der Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Davon überzeugt zu sein, war damals irritierend und ist es für manche auch heute.
Was sagen die heutigen Schrifttexte dazu?
„Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ – schreibt der Apostel Paulus an die Römer. Das ist eine klare Ansage! Wir müssen uns nicht ständig beschäftigen mit denen, die uns nicht wohlgesinnt sind. Wir müssen nicht andauernd darüber nachdenken, wer anders denkt als wir. Wir müssen niemanden fürchten, nur, weil er anders ist als wir.
„Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“
Gott verbindet mit uns Menschen eine unverbrüchliche Loyalität. Er lässt nicht ab vom Menschen. Deshalb sollten wir das auch nicht tun.
„Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ -schreibt der Evangelist Matthäus im heutigen Evangelium.
Furcht soll nicht der Christen Begleiter sein. Furcht macht klein.
Sie läßt uns in die Opferrolle flüchten, obwohl wir das oft nicht sind.
Uns stört alles Mögliche. Seltener denken wir an das, was andere an uns stört. Wir sind Gott viel – ja eigentlich alles – wert. Alle Menschen sind ihm viel – ja alles – wert. Gott wurde Mensch. Er hat für uns gelitten und das Kreuz auf sich genommen. Er hat für uns das Tor zum Leben durch den Tod hindurch aufgestossen.
Was wollen wir denn noch mehr, um eine tätige Liebe zu den Menschen zu leben, vor allem zu denen, die fremd und geschunden durch Krieg, Gewalt und Terror bei uns sind?
Was muss Gott denn noch tun, damit wir unsere Bedenken, unsere Abwehr und unsere Gleichgültigkeit ihm und ihnen, den Fremden gegenüber ablegen?
Die Erinnerung an die Märtyrer der frühen Kirche und an die von heute ist ein starker Impuls! Davon kann ich mich aufrütteln lassen, kann sich die Christenheit aufrütteln lassen. Wir sind mit unserer Sicht auf den Menschen eine Irritation in einer Welt, in der der Menschenhandel so hoch ist, wie nie zuvor, in der Kinder in ihren Familien missbraucht und Frauen gegenüber häusliche Gewalt ausgeübt wird; 155 Frauen starben im Jahre 2023 an den Folgen häuslicher Gewalt; eine Welt, in der annähernd 700 Mio Menschen – also jeder 10. Mensch – Hunger leidet – mit steigender Tendenz. Es ist auch eine Welt, in der der Judenhass massiv zugenommen hat und der Hass auf Fremde ebenso.
Das ist das Gegenteil von dem, was mit einem christlichem Menschenbild verbunden ist. Allen (!) kommt Würde zu, niemand ist ausgeschlossen. Das macht das Christentum so stark und universal.
Die Schrifttexte des Tages, die Erinnerung an einen Märtyrer der frühen Kirche, den Hl. Tiberius, und das Wort von Papst Franziskus, wonach die Barmherzigkeit die stärkste Kraft des Herrn ist, kann uns neuen Mut geben, der grassierenden Menschenunfreundlichkeit entgegenzutreten, der Radikalisierung öffentlicher Debatten und der Verachtung von allem, was uns fremd ist. Wo Konfrontation und Unversöhnlichkeit zunehmen, sind klare Worte und Taten gefragt. Ansonsten schwindet das Christentum über kurz oder lang in die Bedeutungslosigkeit.
„Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen!“ Auch das ist eine klare Ansage.
Wir dürfen uns heute stärken lassen. Wir dürfen uns freuen über den Einsatz derer, die heute die Tiberiusmedaille bekommen und wir sind Mitglieder einer weltweiten Gemeinschaft – der Christenheit – die den Menschen in Schutz nimmt vor denen, die Gott leugnen und den Menschen verachten.
Amen.