Fastenpredigt 2024

 

 


A lt e r n a t i v e n “  

Die Suche nach anderen Wegen in einer bedrohten Zeit

Fastenpredigten 2024 im Hohen Dom zu Hildesheim

WEG DER VERSÖHNUNG: LEBEN IM DISSENS

Sonntag, 3. März um 18 Uhr

Annette Schavan


Schriftlesung: Mt 7,1-5

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

1

Dieser kurze Text aus dem Evangelium des Matthäus enthält auffallend viele Ausrufezeichen. Es wirkt, als sei Jesus in Rage geraten. Die Kürze der Sätze gibt ihnen eine gewisse Schärfe. Jesus spricht über eine Haltung, die keinen Seltenheitswert hat. Sie ist der Schlüssel für Selbstgerechtigkeit. Sie befördert Unversöhnlichkeit. Sie sieht die Gründe für alle Übel immer beim Anderen.

Jesus erlebt die Schriftgelehrten seiner Zeit genau so. Sie sind sich sicher zu wissen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Sie haben ein ausgeklügeltes Regelwerk, das sie verteidigen und das ihnen Autorität verleiht. Sie richten gerne über Andere und werden Jesus in Jerusalem vor einen Richter schleppen, der anfangs unschlüssig wirkt, dem die Lage ungemütlich erscheint, der nach einem Ausweg sucht und dennoch am Ende klein beigibt und ihrem Gebrüll nach dem Tod am Kreuz für Jesus folgt.

Jesus weiss, dass es so kommen wird. Und er weiss, wie zerstörerisch der öffentliche Pranger ist – diese Lust, andere vorzuführen. Er weiss um das Gift der Selbstgerechtigkeit. Sie lassen ihn bei jeder Gelegenheit spüren, dass ihnen sein Verhalten fremd ist und sie Unordnung befürchten.

Mit sündigen Menschen reden und essen;  eine samaritanische Frau am Jakobsbrunnen treffen und ihr das Wasser des Lebenszusagen, wo doch ein Jude in keinem Fall mit Menschen aus Samaria spricht; den Menschen über den Sabbat stellen; die Ehebrecherin nicht steinigen lassen; die Händler aus dem Tempel treiben; reden wie einer, der Vollmacht beansprucht, die allein bei ihnen, den Schriftgelehrten liegt; Wunder tuen, die ihm die Zuneigung und die Wertschätzung von Menschen einbringt – das alles finden sie schrecklich. Das kommt auf ihre Liste seiner Vergehen.

2

Wenn mich jemand fragt, was zu lesen ist, um das Christentum kennenzulernen, dann kommen mir die Begegnungen Jesu mit Menschen in den Sinn. Da wird gleichsam das Gegenprogramm deutlich.

Jesus begegnet den Menschen ohne jeden Vorbehalt.

Die samaritanische Frau kann kaum fassen, dass er mit ihr spricht. Das Gespräch entwickelt eine ungeheure Dynamik und gibt dieser Frau eine Perspektive. Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.– Das ist ein zentrales JesusWort aus dem Johannes Evangelium dazu. Dem reichen Jüngling, der Ehebrecherin, dem Zöllner werden in der Begegnung mit Jesu durchaus ihre Fehler, Schwächen und Ungereimtheiten deutlich. Er sagt es Ihnen im Zweifel auch. Aber er spricht mit ihnen so, dass es eine Perspektive gibt, keinen Richterspruch.

Und er macht denen, die den Stein bereits in der Hand halten, um ihn der Ehebrecherin entgegen zu schleudern, deutlich, dass sie nicht befugt sind zu richten.

Kurzum: Die Begegnungen Jesu mit Menschen sind eine Provokation für die Wächter über Einflusssphären und Regelwerke. Diese Begegnungen entwickeln eine unerwartete Dynamik und werden mit überraschenden Botschaften verbunden. Sie lassen eine andere Logik des Lebens erkennen als die bislang vertraute. Jesus provoziert, er deckt Verlogenheit auf und durchbricht Verengungsgeschichten; er öffnet bislang unentdeckte Räume und Perspektiven; er spricht gar vom Leben in Fülle.

In diesen Begegnungen wird ein neuer Geist spürbar, der dem Leben gegenüber eine Wertschätzung und eine Präsenz zeigt, die eine Priorität gegenüber den althergebrachten Regeln beanspruchen – ohne mit ihnen zu brechen. Er will keinen Bruch mit dem Bisherigen. Er will überzeugen durch einen anderen Zugang zu den bestehenden Ordnungen. Aus Gewohnheiten sollen Überzeugungen werden. Die selbstkritische Frage soll sein: Von welchem Geist sind unsere Ordnungen und unser Handeln geprägt? Genau daran scheiden sich bei denen, die ihm zuhören, die Geister.

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Die Frage nach dem Geist, aus dem heraus wir leben, streiten, entscheiden, handeln und gestalten – als Menschen des Christentums und als Gesellschaft mit kultureller und religiöser Vielfalt. Das ist eine zentrale Frage für diese österliche Bußzeit und den Weg auf Ostern hin.

Unsere Streitkultur ist ziemlich erbärmlich geworden. Gruppen, die sich in Blasen eingerichtet haben, rasen förmlich aufeinander los. In der anderen Blase wird gleichsam die Inkarnation des Bösen gesehen. Die Sprache im öffentlichen Leben, auch in den Parlamenten, ist verroht. Gegner in der Sache werden zu Feinden erklärt.

Wohlgemerkt: Streit gehört zur Demokratie. Jan und Aleida Assmann haben 2018 in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels daran erinnert, dass Demokratien durch Streit und Debatten gestärkt werden. Sie haben ebenso deutlich darauf verwiesen, dass es unstrittige, gemeinsame Überzeugungen geben müsse, von der Verfassung bis zu den Menschenrechten. Die dürfen nicht zur Disposition gestellt werden. Dauerhaftes Misstrauen sei Gift. Es ist absolut fundamental, dass wir einander vertrauen können.

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Wir müssen uns auf die Fundamente besinnen, die ein demokratisches Gemeinwesen ermöglichen und tragen. Der Konsens über das Fundament ist bedeutsam. Daran zu arbeiten, dass der fundamentale Konsens nicht zur Disposition gestellt wird, ist zwingend. Zugleich gilt: Der Dissens in vielen Fragen, die den Streit lohnen, ist dem nicht abträglich. Beim Streiten gelten Argumente und auch die Bereitschaft anzunehmen, dass in dem, was andere sagen, auch  ein Funke Wahrheit stecken kann. Muss denn alles, was uns nicht passt, an den Pranger gezerrt werden? Ein Beispiel aus unseren Tagen: Die einen fordern vehement und gleichsam missionarisch das Gendern. Mit ebensolcher Leidenschaft wollen es andere verbieten, sogar per Gesetz. So schaukeln sich Debatten zu regelrechten Kulturkämpfen hoch. Sind wir  nicht mehr in der Lage, mit einem Dissens in der Sache pragmatisch umzugehen? Je diverser eine Gesellschaft ist, je mehr die Vielfalt im Gemeinwesen wächst, umso mehr braucht der Streit Niveau, Kultur und Würde. Wo das Maß an Unversöhnlichkeit stetig steigt, wird der Friede in einer Gesellschaft zerstört. Wo immer mehr Verengungsgeschichten geschrieben werden, mit denen erklärt wird, wie es zu gehen hat nach den Erklärungen der gerade lautesten Blase, da werden bemerkt und unbemerkt Spaltungen in unser Gemeinwesen gebracht, die nur mühsam wieder überwunden werden.

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Am Aschermittwoch wird von der Umkehr gesprochen. In unserer Gesellschaft von notwendiger Transformation. Wenn es nicht bleiben kann, wie es ist, dann wird gestritten – über die Wege und Ziele von Umkehr und Transformation. Das ist nicht neu. Es ist auch nicht zu beklagen. Es kann sogar richtig interessant und inspirierend sein.

Es kann aber nicht vor allem aus Vorwürfen, Misstrauen, Unterstellungen, richten und gerichtet werden bestehen.

Die Begegnungen Jesu mit Menschen sind ein grosser Wurf auch für uns heute. Seine Mahnung zu richten und gerichtet werdenhat es in sich.

Es kann das eine wie das andere – der grosse Wurf und die Mahnung – unser Angebot als Christinnen und Christen an das Gemeinwesen sein, in dem wir leben. Wir sollten aus diesem Geist heraus gestalten.

Dann wird die Umkehr vielleicht auch eine Wirklichkeit zeigen, die Papst Franziskus am Aschermittwoch in der römischen Kirche Santa Sabina so ausgedrückt hat: Ohne es zu merken, haben wir keinen verborgenen Ort mehr, an dem wir innehalten und uns zurückziehen können. Wir sind in eine Welt eingetaucht, in der alles, selbst innerste Emotionen und Gefühle, in den sozialen Medien erscheinen muss

Selbst die tragischsten und schmerzhaftesten Erfahrungen laufen Gefahr, keinen verborgenen Ort zu haben, an dem sie geschützt sind: Alles muss offengelegt werden, zur Schau gestellt, dem Geschwätz des Augenblicks überlassen werden.Und er verbindet damit die Empfehlung, zum Wesentlichen unseres Lebens zurückzukehren. Dazu gehört auch, den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen, bevor ich den Splitter im Auge des anderen sehe.

 

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