05 Jan. Erinnerungen
Zum Tod von Papst emeritus Benedikt XVI.
Im Frühjahr 2011 reiste ich nach Rom zu Gesprächen in der Bildungskongregation. Die Botschaft riet mir, auch einen Besuch beim Papst zu machen. So nahm ich an einer Generalaudienz auf dem Petersplatz teil und konnte Papst Benedikt XVI. dann in einem der Räume in der Audienzhalle zu einem Gespräch unter vier Augen treffen. Im gleichen Jahr war eine Reise des Papstes nach Deutschland geplant, u.a. nach Berlin. Ich nahm mir also vor, ihn auf Berlin einzustimmen und sprach darüber, dass der amerikanische Theologe Harvey Cox, den er gut kannte, Berlin als Vorlage für sein Buch „Stadt ohne Gott“ (1965) gewählt habe, 1983 dann aber die Rückkehr der Religionen in die säkulare Stadt (Religion in the Secular City) konstatiert habe. Er schaute mich interessiert und leicht ungläubig an, stellte mir einige Fragen zu der aktuellen Lage der Religionen in Berlin und so entwickelte sich ein freundliches Gespräch. Am Abend traf ich den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, in der Stadt, der mir gleich freudig erklärte, er wisse schon, dass ich beim Papst gewesen sei, der ihm gesagt habe, „Frau Schavan war bei mir und wollte mir Berlin schmackhaft machen“. Ob mein Versuch gelungen war, blieb offen. Bei seinem Besuch in Berlin hielt er eine Rede im Deutschen Bundestag, die zu den besonderen Reden in der Geschichte des Hohen Hauses gehört. Die nahezu euphorische Zustimmung zu seinen Ausführungen über das Naturrecht bei einigen Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen basierte allerdings eher auf einem Missverständnis.
Mit dem Tod des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. geht eine Ära zu Ende, die lange vor seinem Pontifikat begonnen hat.
Der junge Theologe Joseph Ratzinger begleitete den Kölner Kardinal Joseph Frings zum Konzil, war sein Ghostwriter mit Texten, die einen notwendigen Aufbruch in der Katholischen Kirche beschrieben. So hat er in jungen Jahren auf diesem Konzil, gemeinsam mit Karl Rahner und anderen, prägend gewirkt. 1968 schrieb er sein Buch „Einführung in das Christentum“, ein Schlüsseltext in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil. In diesen Jahren lehrte er, wie auch Walter Kasper und Hans Küng, in Tübingen. Ratzinger, Kasper und Küng hinterlassen jeweils ein umfangreiches wissenschaftliches Werk, das prägend für die Theologie des 20. Jahrhunderts ist.
Mit den Jahren wuchs seine Skepsis gegenüber der Aufbruchstimmung des Konzils und wurde Hans Küng zu einem seiner bekanntesten theologischen Gegenspieler. Erst im hohen Alter gelang den beiden Kontrahenten ein versöhnendes Gespräch.
1977 nahm der damalige Papst Paul VI. den Münchener Erzbischof Joseph Ratzinger in das Kardinalskollegium auf. Seither also gehörte er gleichsam zum Senat der Kirche. Sein Leben war in allen Phasen geprägt von einer leidenschaftlichen Liebe zur Kirche und von der Sorge, dass Einflüsse der Welt der Kirche schaden können. Er wollte ein treuer Diener der Kirche und ihr Beschützer sein. Das wird in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation besonders deutlich. In Erinnerung bleibt in Deutschland aus dieser Zeit der heftige Konflikt um die Beteiligung der Katholischen Kirche an der Beratung von werdenden Müttern in Notlagen. Katholische Laien gründeten daraufhin DONUM VITAE, eine Initiative, mit der sich Bischöfe in Deutschland erst in den letzten Jahren versöhnt haben. Dazwischen liegt eine lange Konfliktgeschichte. Die Sorge des damaligen Kardinals Ratzinger war, dass die Kirche Schaden nehmen könne, wenn sie sich an einer Beratung beteilige, an deren Ende nicht auszuschliessen ist, dass es zu einer Abtreibung kommt.
Die Kirche darf keinen Schaden nehmen – das ist ein Leitmotiv seines Dienstes gewesen. Das hatte Priorität in der Katholischen Kirche über lange Zeit – nicht nur für ihn. Die Kehrseite dieser Priorität wurde in Deutschland 2010 deutlich, als klar wurde, dass sexualisierte Gewalt in der Weltkirche, auch in Deutschland, grosses Leid verursacht hat und den Opfern die Aufmerksamkeit verwehrt wurde. Kardinal Ratzinger hat diese Unheilsgeschichte in der Kirche früh erkannt und bereits 2003 als Präfekt der Glaubenskongregation einen Kongress durchgeführt, der die Kurie und die Weltkirche insgesamt sensibilisieren sollte. Die Chance, bereits damals zu einer konsequenten Aufklärung und Prävention zu kommen, wurde nicht genutzt.
Die Ära, die mit dem Tod des Papstes emeritus Benedikt XVI. zu Ende geht, ist geprägt von seiner Leidenschaft für die Kirche, seiner Liebe zu der bayerischen Volksfrömmigkeit seiner Jugend und davon, dass er ein Mann der Wissenschaft war, für den die Versöhnung von Glaube und Vernunft ein Lebensthema gewesen ist.
Im Sommer 2018 besuchte ich ihn in seinem Domizil in den Vatikanischen Gärten, um mich als Botschafterin zu verabschieden. Er war müde, liebenswürdig und interessiert wie eh und je. Wir sprachen über Europa, über die Zukunft der EU als einem grossen Friedenswerk und darüber, wie sehr seine Generation dafür gearbeitet hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Internetseite The Pioneer