Wer sich vor neuen Wegen fürchtet, wird Schaden anrichten

Lieben Christine,

nun ist es 30 Jahre her, seit Deutschland und Europa wiedervereinigt sind. Ich lebte in den Jahren 1989/90 in Bonn und arbeitete beim Cusanuswerk. Rasch knüpften wir damals Kontakte zu den Hochschulgemeinden in Ostdeutschland. Erste Studierende bewarben sich um die Förderung ihres Studiums, vor allem um die Unterstützung für geplante Auslandsaufenthalte. In den ersten Januartagen 1990 bin ich in Berlin durch das Brandenburger Tor gegangen, auf dem Weg zu Kardinal Sterzinsky. Es lag Schnee, und ich bin immer mal wieder stehen geblieben, um mir die Bilder einzuprägen. Sie waren für mich wie das Tor zu einer neuen Zeit.

Damals war ich bereits 18 Jahre Mitglied der CDU, in diesem Jahr sind es also 48 Jahre. Früher fand ich Leute uralt, die so lange in der CDU sind. Als ich eintrat, begann bald darauf die Arbeit am ersten Grundsatzprogramm der CDU. Ich durfte in der AG meines Kreisverbandes in Neuss mitarbeiten und später auch an dem großen Berliner Kongress teilnehmen, auf dem die ersten Textentwürfe diskutiert wurden.

Seit der Zeit meines Theologiestudiums hat mich die Frage beschäftigt, wie Christen in den Parteien wirken, welche Verbindungen sie zwischen Politik und Glaube herstellen und was ihnen wichtig ist. Nie fand ich, dass es Christen nur in CDU und CSU gebe. Im Laufe der Jahre
habe ich immer stärker bemerkt, wie bedeutsam Biografien für die Politik sind.
Sie entscheiden über Prioritäten, die gesetzt werden; sie prägen Sprache und Stile; es fließen Erfahrungen in politische Debatten ein, die klare biografische Bezüge haben. So haben mich Kolleginnen und Kollegen in anderen Parteien interessiert, die aus einem christlichen Erfahrungshorizont kamen, ganz besonders jene aus Ostdeutschland. Von ihnen habe ich als rheinische Katholikin viel gelernt. Viele von ihnen hatten seit dem Ende der Siebzigerjahre in den mittel- und osteuropäischen Ländern für den Fall der Mauer gebetet und dafür gewirkt – ermutigt durch den polnischen Papst Johannes Paul II.

Joachim Jauer hat das in seinem Buch »Urbi et Gorbi« eindrucksvoll beschrieben. Wenn wir heute über die politische Relevanz des Christentums sprechen, dann erinnert mich dieses Buch an mutige Menschen, die davon überzeugt waren, dass die Freiheit einen hohen Einsatz wert ist. Das ist für mich eine zeitlos wichtige Botschaft.

So hat die CDU ja auch begonnen. Es wurden in Köln und Berlin Menschen gesucht, die neue Wege gehen wollten. Nach den Erfahrungen der Nazibarbarei sahen die Gründer der neuen Partei im Christentum eine Quelle für andere Wege: für Wege der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität. Sie fanden, dass die Wertschätzung des Christentums für den Menschen eine starke geistige Kraft gegen alles Totalitäre sei. Die Gründung der CDU war zu dieser Zeit ein starker ökumenischer Impuls. Protestanten und Katholiken aus dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten hatten Zelle an Zelle im Gefängnis gesessen. Eugen Gerstenmaier sagte später, dass »die Konstituierung der CDU in den Gefängnissen von Tegel begonnen hat«. Die Ökumene gehört ebenso zur DNA der CDU wie die Leidenschaft für die Freiheit, aus Liebe zum Menschen.

Deshalb bringen die CDU auch alle Debatten darüber nicht weiter, ob sie eine konservative Partei sei. Das ist irgendwie haarscharf an der Gründungsgeschichte vorbei. Christdemokraten haben die Skepsis der Konservativen gegenüber dem Menschen überwunden. Das hat mit unserem Glauben zu tun. Wir sind nicht naiv. Wir wissen schon, dass der Mensch nach dem Sündenfall lebt. Wir wissen aber auch, dass zu einer überzeugenden Kunst des Politischen gehört, die Gestaltungskraft, das Verantwortungsbewusstsein und die Kreativität von Menschen wertzuschätzen und ihnen politische Wirksamkeit zu ermöglichen.

Unser Habitus – auch meiner – ist eher konservativ. Aber im Herzen sollten Christdemokraten jene Werte und Haltungen verkörpern, die zu Geistesgegenwart führen. Sie meint, die Zeichen der Zeit zu begreifen und auch Zeitenwenden zu erkennen, wie jene, in der wir gerade sind. In den letzten Wochen ist – wie selten zuvor – deutlich geworden, dass eine hohe Kunst des Politischen darin besteht, Situationen zu gestalten, die es zuvor nicht gab, und nicht auf Entscheidungsmuster zurückgreifen zu können, die aus der Vergangenheit bekannt sind. So wird es in Zukunft häufiger sein. Wer sich dann vor neuen Wegen fürchtet, wird Schaden anrichten.

Das 1. Grundsatzprogramm aus dem Jahre 1978 war das bislang beste der CDU. Vielleicht auch deshalb, weil es vorher noch keines gab. Die CDU war über 30 Jahre auch ohne Grundsatzprogramm ziemlich erfolgreich. Dann aber – spätestens seit 1968 – änderten sich die Zeiten stark. Das war der Moment zur Konzentration auf das Grundsätzliche. Danach kam manches Grundsatzprogramm, das eher einem Sammelsurium ähnelt. Jetzt ist vielleicht wieder so eine Zeit, in der wir uns konzentrieren müssen, mit möglichst wenig Worten die entscheidenden Wegmarken für die Zukunft zu beschreiben: unsere Werte und Haltungen, von Geistesgegenwart  – 30 Jahre nachdem Deutschland und Europa zu neuer Einheit gefunden haben, und 75 Jahre nach der Gründung der CDU, die damals Neues wollte, das dem Menschen Freiheit und dem Gemeinwesen Zusammenhalt ermöglicht.

Wir haben in diesen 30 Jahren viel gelernt über Vielfalt und Toleranz, über Identität und Weltoffenheit und auch darüber, dass nichts von dem, was uns wichtig ist, dauerhaft gesichert ist, wenn wir dafür nicht kämpfen.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Ich habe mich in den 48 Jahren meiner Mitgliedschaft in der CDU oft an meiner politischen Heimat gerieben und über die Partei geärgert. Ich bin geblieben, weil mich – gerade jetzt – diese Überzeugung tief berührt und bestärkt: dass das Christentum eine starke geistige Kraft gegen Nationalismus und alles Totalitäre ist.

Sei herzlich gegrüßt! Deine Annette

Vor 75 Jahren wurde die CDU gegründet. Zeit für eine kritische Würdigung aus den eigenen Reihen: Annette Schavan, Katholikin, und Christine Lieberknecht, Protestantin, verbindet die Frage, was ihre Partei zusammenhält. Der obige Text stammt aus der Folge 10 der Serie »Corona-Briefe« in „Christ & Welt“ (25. Juni 2020).

Ebenso stammt der Screenshot der beiden Texte aus der Ausgabe vom 25. Juni 2020.