“Frauen geht es darum, etwas zu bewirken“

Interview in der Verlagsgruppe Bistumspresse

Die Organisation Religions for Peace will weibliche Religionsführerinnen stärken und lädt Vertreter aus der ganzen Welt dafür zu einer virtuellen Tagung ein. Annette Schavan ist Vorsitzende der Stiftung Friedensdialog, die die Konferenz ausrichtet.
Im Interview erklärt sie, warum die Welt mehr Frauen in Führungspositionen braucht – in Staat und Religion.

 

Welche religiöse Frau mit Füh­rungsverantwortung bewundern Sie?

Die Generalsekretärin von Reli­gions for Peace, Azza Karam, ist eine eindrucksvolle Frau. Azza Karam ist Muslimin, kommt aus Ägypten, arbeitet als Autorin und Professorin und ist die erste Frau an der Spitze der Organisation. Sie wirkt in Religion und Politik und hat dabei eine beeindruckende spirituelle Ausstrahlung. Wir brau­chen religiöse Führungspersonen wie sie, die deutlich machen, wel­che geistige und geistliche Kraft hinter ihrem Einsatz steckt.

Warum ist das so wichtig?

Weil Religion die Quelle von Hoff­nungen und Werten vieler Men­schen ist. Religion spielt in der Politik eine größere Rolle, als wir in Europa gedacht haben und teil­weise heute noch denken. In vielen Regionen der Welt wird die Religi­on anders gesehen. Deshalb sind auch die Europäer mittlerweile viel stärker an der Frage interessiert, wie sich Religion auf die Politik aus­wirkt. Die zentrale Frage hierbei ist: Wie können Religionen zu Frie­den beitragen und nicht zu Gewalt und Terror? Wie kann das Gespräch der Religionen so aussehen, dass daraus Initiativen für mehr Frieden und weniger Gewalt entstehen?

Und dafür braucht es mehr weib­liche Religionsführerinnen?

Die Welt braucht in allen wesent­lichen Prozessen der Entwicklung die Erfahrungen von Frauen und Männern. Wichtig ist, dass wir uns klarmachen, wo Frauen schon überall wirken. Zum Beispiel, wenn es um das Zusammenspiel der Religionen geht.

Was machen Frauen da anders als Männer?

Die Frage, was Frauen anders ma­chen, wird im Hinblick auf Män­ner nie gestellt. Wir sind schon ein großes Stück weiter, wenn wir auf­hören, immer nur die Frauen zu fragen, was sie besser machen. Sie machen es auf ihre Weise – und diese Weise muss vorkommen.

Vor kurzem haben Sie eine Aus­sage von Papst Franziskus zitiert, wonach es wichtig ist, Prozesse in Gang zu setzten, nicht Räume zu besetzen. Sie sind der Meinung, dass Frauen das besonders gut können. Warum?

Ihr Veränderungswille ist häufig be­sonders ausgeprägt, weil sie nicht an Institutionen hängen. Frauen sind nicht schon seit Generationen in Institutionen verankert, deshalb haben sie eher die Vorstellung, dass etwas anders werden kann. Aber es ist der falsche Ansatz, Ge­schlechtergerechtigkeit zu wollen, weil Frauen etwas anders machen. Viel wichtiger ist doch, festzustel­len, dass die politische Sozialisati­on von Frauen bereits dazu geführt hat, dass Dinge in Bewegung gera­ten sind. Dafür muss man sich nur mal die Politik der Bundesrepublik Deutschland anschauen.

Was können religiöse Frauen mit Führungsverantwortung konkret in der Welt verändern?

Frauen geht es darum, etwas zu bewirken, sie sind praxisbestimmt. Ihr Führungsverständnis ist nicht von abstrakten Vorstellungen ge­prägt, sondern von ihren Erfah­rungen. Und es geht ihnen nicht darum, vorrangig ihre eigenen In­teressen zu verwirklichen. Wenn wir uns die Welt gerade anschau­en, ist unumstritten, dass wir Füh­rungskräfte brauchen, die von sich absehen können und die sich dem wirklich Lebensfördernden und Friedensstiftenden widmen.

Woran machen Sie das fest?

An der wachsenden Friedlosigkeit, an der wachsenden Abgrenzung, an den immer häufiger zu hörenden Parolen „Wir zuerst“ und an der nachlassenden Bereitschaft zu So­lidarität. Das geht bis dahin, dass internationale Vereinbarungen, die schon erreicht waren, aufgelöst werden. Gerade in Zeiten der Pan­demie droht die Gefahr, dass das Gegenteil von dem geschieht, was eigentlich notwendig wäre. Anstatt Allianzen der Solidarität zu stiften, schauen alle nur auf ihre eigenen Positionen.

Und Männer können da nicht von sich absehen?

Männer und Frauen können theo­retisch alles gleichermaßen, aber die Realität zeigt, dass es Korrek­turbedarf gibt bei dieser Art von politischer Alleinunterhaltung.

Wo haben religiöse Frauen denn heute schon Führungsverantwor­tung?

Nehmen wir als Beispiel das Christentum. Da haben Frauen welt­weit Führungsverantwortung: in Orden, in der Theologie, an den Universitäten, in großen Instituti­onen der Diakonie und der Cari­tas, in vielen Bereichen, in denen sich Kirche äußert. Für die Aus­strahlung dieser Institutionen ist das wichtig.

An der Spitze sind die Weltreligi­onen im Moment aber doch stark von Männern dominiert.

Ja, aber alle Religionsgemeinschaf­ten müssen die Frage der Geschlech­tergerechtigkeit ernst nehmen oder sie werden an Relevanz verlieren. Wenn wir bei der Versammlung von Religions for Peace jetzt über poli­tische Fragen und Führung disku­tieren, muss dieses Thema immer mitlaufen: Wie verwirklichen Reli­gionen die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern?

Wie können sich Religionen glaubwürdig für Gerechtigkeit einsetzen, wenn sie sie selbst nicht konsequent praktizieren?

Bloß weil ich etwas noch nicht geleistet habe, heißt das nicht, dass ich es in der Welt nicht für richtig halten kann. Die Grundaussagen des Christentums sind wichtige Impulse. Und sie bleiben wichtig – auch wenn die Kirche sie nicht immer selbst umsetzt.

Was verhindert die Gleichberech­tigung von Frauen als religiöse Autoritäten?

Oft liegt das an kulturellen Prä­gungen. Viele Gesellschaften kön­nen mit den Debatten um Ge­schlechtergerechtigkeit noch nicht viel anfangen. Dort gibt es patriar­chale Strukturen, von denen sich auch Religionsgemeinschaften nicht freimachen können. Aber wenn man sich zum Beispiel die katholische Kirche anschaut, muss man sich sicherlich fragen: Welche Theologie des Amtes haben wir? Und wird die weiterentwickelt oder bleibt sie da stehen, wo sie jetzt ist? Daraus ergeben sich dann die Konsequenzen für Leitungs­verständnis und Führungsfragen.

Papst Franziskus beklagt in sei­ner neuen Sozialenzyklika, dass Gesellschaften die Gleichberechti­gung von Frauen nicht umsetzen.

Das ist eine realistische Feststel­lung. Der Papst muss natürlich damit rechnen, dass diese Frage dann auch mit Blick auf die Kirche zurückgestellt wird.

Sie waren vier Jahre lang Bot­schafterin im Vatikan. Wie schät­zen Sie die Chancen ein, dass sich in der katholischen Kirche etwas weiterentwickeln könnte?

Je stärker ein Thema gesetzt ist, je häufiger darüber gesprochen wird, umso mehr werden immer und überall die Gegenkräfte mo­bilisiert. Diese Auseinandersetzung muss geführt werden und sie wird geführt. Wie sie ausgeht, weiß ich nicht.

In anderen Regionen der Welt sind Entwicklungen wie das Frauenpriestertum im Moment unvorstellbar. Ist eine weltweite Gleichberechtigung von Frauen und Männern in den Religionen nicht utopisch?

Es geht nicht allein um Gleich­berechtigungsfragen, sondern darum, sichtbar zu machen, wie Frauen weltweit heute schon wir­ken. Im Blick auf alles andere, das heute vielleicht nicht vorstell­bar ist und wo auch viel Gegen­wind kommt, braucht es den be­rühmten langen Atem.

Sie haben davor gewarnt, dass Religionsgemeinschaften nicht weiterbestehen können, wenn sie Geschlechtergerechtigkeit nicht ernst nehmen. In der katholischen Kirche in Deutschland gibt es ge­rade eine Bewegung von Frauen, die damit droht, die Kirche zu verlassen, wenn sich nichts än­dert. Warum nimmt Rom das nicht ernst?

Ob das dauerhaft nicht ernst ge­nommen wird, weiß ich nicht. Wir denken in zu kurzen Zeiträumen. Bis zum Fall der Mauer hat es eine zehn Jahre lange friedliche Revo­lution gebraucht. Man sollte also nicht schon nach zwei oder drei Jahren sagen: Das bringt alles nichts. Wer da schnell aufgibt, weil er sagt „Ich erreiche es in meiner Generation nicht mehr“, braucht gar nicht erst anzufangen.

Was müssten religiöse Frauen anders machen, um noch mehr gehört zu werden?

Ich denke, es kommt zunehmend auf internationale Vernetzung an. Religion gibt es weder nur in Deutschland noch nur in der ka­tholischen Kirche, sondern welt­weit. Und da gibt es Impulse aus anderen Religionen, die für die eigene Religionsgemeinschaft in­teressant sein können.

Zum Beispiel?

Denken Sie an das Judentum: Daran, wie Rabbinerinnen in Deutschland wirken, wie sie ihre eigene Religion deuten – das ist etwas, das für theologisch inte­ressierte Frauen auch im Christentum inspirierend ist. Oder die breiten Debatten um Frauen im Islam. Religiöse Frauen sollten nicht nur innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft bleiben, sondern sich anschauen: Wie haben sich Frauen in anderen Religionen und in anderen Regionen entwi­ckelt? Wo sind Frauen weltweit gerade besonders aktiv?

Das Interview führte Sandra Röseler. 

das Interview ist in der Verlagsgruppe Bistumspresse und damit in acht verschiedenen katholischen Bistumszeitungen erschienen.   

Bild: Doppelseite der gedruckten Ausgabe vom 08.11.2020