Ignoranz ist keine Lösung

Ein Lob der vatikanischen China-Politik

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz haben sich im Februar der Außenminister der Volksrepublik China, Wang Yi, und der Außenbeauftragte des Heiligen Stuhls, Erzbischof Paul Gallagher, getroffen. Die Nachricht wurde mit Foto vom vatikanischen Presseamt und etwas später in China in der „Global Times“, der englischsprachigen Online-Version der Parteizeitung, veröffentlicht. Zu den Inhalten des Gespräches auf neutralem Boden gehörten ein Gedankenaus- tausch über den „interkulturellen Dialog und die Menschenrechte“, das bereits im September 2018 unterzeichnete „vorläufige Abkommen“ zur Ernennung von Bischöfen sowie Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise.

Schon zuvor war bekannt geworden, dass der Heilige Stuhl und chinesische Christen, die in Italien leben, Paletten mit Schutzmasken an China gespendet hatten, die vom Sozialbeauftragten des Papstes, Kardinal Konrad Krajewski, auf den Weg gebracht wurden. Schließlich erscheint die Zeitschrift der Jesuiten „Civiltà Cattolica“ seit April als Online- Ausgabe auf Chinesisch. Das wurde vom vatikanischen Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin ausdrücklich gewürdigt, der als Ziel den gemeinsamen „Aufbau des offenen Dialogs“ formulierte. In Zeiten, in denen Beziehungen zu China von jenen, die sie seit langem pflegen, als zunehmend kompliziert beschrieben werden, mag das verwundern und findet neben Zustimmung auch klare Ablehnung. Manche sprechen von Verrat an den Opfern der auch heute praktizierten Religionsverfolgungen in China. Wie also lassen sich die Bemühungen des Vatikans einordnen?

Wir erinnern uns, dass Papst Franziskus am Beginn seines Pontifikates vor sieben Jahren davon gesprochen hat, Asien werde der regionale Schwerpunkt seines Pontifikates werden. Der Kontinent gilt als besonders dynamisch mit Blick auf die Verbreitung und Entwicklung des Christentums. Allerdings sind damals wohl nur wenige Insider auf die Idee gekommen, dass damit auch China gemeint sein könnte: Schließlich gehört es gleichsam zur Gründungsgeschichte der Volksrepublik China, dass bereits 1951, also zwei Jahre nach der Staatsgründung, die diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl aufgekündigt wurden.

Es gab in den folgenden sieben Jahrzehnten – bis in die jüngste Zeit hinein – erschütternde Schilderungen von Christenverfolgung in China. Beispielhaft sei das Buch „Gott ist rot“ von Liao Yiwu genannt, der im Jahr 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hat. Er ist in die Bergregion von Yunnan gefahren und erzählt die Geschichte der Christen, die dort im Untergrund leben und gegen alle Verfolgung an ihrem Glauben seit Generationen festhalten.

Religion bleibt der Kommunistischen Partei suspekt. Es soll sichergestellt werden, dass das Volk keinen anderen Einflüssen ausgesetzt ist als denen, die die Partei kontrollieren kann. Religionen gelten als unberechenbar. Das zeigt sich auch am von Willkür und Verachtung geprägten Umgang mit den Uiguren, worüber in Deutschland ausführlich berichtet wurde. Religionsverfolgung betrifft nicht nur die Christen.

Immer häufiger ist allerdings auch davon die Rede, dass die Zahl der in China lebenden Christen steige und im Zuge der Wiederentdeckung eigener kultureller Traditionen auch das Interesse am Christentum und die Beschäftigung damit zunehme.

Das Interesse des Heiligen Stuhls an der weiteren Entwicklung von Kontakten mit China und die Gespräche, die seit einigen Jahren dazu geführt werden, stoßen auf scharfe Kritik beim früheren Bischof von Hongkong, Joseph Zen, aber auch bei anderen, die den vatikanischen Befürwortern des Dialogs mit China vorwerfen, „naiv oder zynisch“ (HK, Januar 2020, 7) zu sein.

Es gab Zeiten, da entwickelten sich die Dialoge mit China in allen Bereichen äußerst dynamisch. Das gilt für die Wirtschaft und die Wissenschaft ebenso wie für die Arbeit von Stiftungen und sonstigen Nichtregierungsorganisationen. Es sind zwischen Deutschland und China im Laufe der Jahre mehr als 50 Dialogforen entstanden. Die Regierungen treffen sich seit 2011 jährlich zu Regierungskonsultationen. Beide Seiten sprechen von einer privilegierten Partnerschaft. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es eine Menge von Initiativen und Projekten gab und gibt, die sich durch ein ausgeprägtes wechselseitiges Interesse auszeichnen. Vertreter der politischen Stiftungen erinnern sich an Veranstaltungen über eine demokratische Öffnung in China, die allerdings der Vergangenheit angehören. Heute werden sie in China skeptisch gesehen. Ihre Arbeit ist durch neue Regeln deutlich schwieriger geworden. Auch in der Wissenschaft und in der Wirtschaft werden Zweifel laut, wie denn die Beziehungen fruchtbar bleiben sollen, wenn die Überwachungsmechanismen des Staates immer stärker werden, die Skepsis gegenüber demokratischen Entwicklungen wächst und im Autoritären die Zukunft gesehen wird. Da vergeht manchen in Deutschland und Europa die Lust an gemeinsamen Projekten. Es wirkt, als sei manche erreichte Vereinbarung und Kooperation so angelegt, dass sie vor allem im Interesse Chinas wirke.

Das Bild ist also derzeit hoch ambivalent, auch bei jenen, die langjährige Kontakte mit China pflegen und sich dem Land verbunden fühlen. Es ist auch schwerlich eine Prognose möglich. Wie es nach der Corona-Krise dort und anderswo sein wird, ist nicht wirklich absehbar. Niemand kann ausschließen, dass die Kommunistische Partei ihre Versuche, alles im Griff zu haben, verstärken wird. Bei der Drucklegung dieses Heftes ist noch nicht klar, wie die Ergebnisse des diesjährigen Volkskongresses sein werden, der Ende Mai stattfinden soll.

Die Ambivalenz der Erfahrungen in jüngerer Zeit führen in der Politik in Deutschland bislang nicht zu nachlassenden Bemühungen um den Dialog und die privilegierte Partnerschaft. So soll während der EU-Präsidentschaft Deutschlands ein EU-China-Gipfel in Leipzig stattfinden. Die Pandemie kann ihn jetzt gefährden. Die dahinterstehende Idee ist richtig. Europa braucht eine tragfähige, zukunftsweisende und selbstbewusste Position im Dialog mit China: politisch, kulturell und mit einer Perspektive, die die jeweiligen Rollen der Dialogpartner in einer globalen, multipolaren Ordnung der Zukunft beschreibt. Hindernisse, die überwunden schienen und nun wieder stark präsent sind, machen die Aufgabe nicht leicht, gleichwohl bedeutsamer denn je zuvor. Warum?

China ist von seinem Aufstieg überzeugt und davon, dass dieser Aufstieg gut für alle anderen, sprich: für die ganze Welt ist. Das sagen auch schon Studierende in den Hochschulen und nennen dann als prominentes Beispiel die Neue Seidenstraße als das gleichsam weltumspannende Infrastrukturprojekt ihres Landes. Die Propaganda funktioniert. Wir verdrehen dann die Augen, sprechen von Vereinnahmung und heilloser Überschuldung, die Länder erleben, wenn sie sich darauf einlassen. Wir bleiben skeptisch über die Absichten und finden, dass dieses Projekt eher nach Weltherrschaft aussieht. Das amüsiert die Chinesen und hält sie natürlich nicht davon ab, an ihrer Vision festzuhalten.

Unsere Debatte mit China zu diesem und anderen Beschlüssen der Partei auf ihren Volkskongressen muss anspruchsvoll sein und die Provokationen, die in diesem Wettbewerb der Ordnungen immer deutlicher werden, annehmen.

Das gilt auch für intellektuelle Provokationen, wie sie in dem Buch „Alles unter dem Himmel“ von Zhao Tingyang stecken. Der Autor, der großen Einfluss in China hat, bewertet Werte, Haltungen und die Ordnungsvorstellungen des demokratischen Westens als untauglich für eine globale Ordnung des Friedens. Er setzt auf das Prinzip „Tianxia“ aus der Zhou-Dynastie (1046 bis 256 vor Christus); übersetzt bedeutet es „alles unter einem Himmel“. Das Buch beschreibt eine inklusive Weltgesellschaft, in die sich Menschen freiwillig einfügen. Das Buch verdient Aufmerksamkeit und Widerspruch in Europa. Es lässt erkennen, wie die Konfliktlinien verlaufen, wenn wir vom Wettbewerb der Wertordnungen sprechen. Es gibt einen Eindruck vom Selbstbewusstsein Chinas. Darauf kann Europa nicht mit Ignoranz antworten. Darüber muss gesprochen werden.

Autokraten mögen keine anderen Einflüsse gelten lassen als die, über die sie bestimmen. Das gehört zum Grundkonflikt Chinas mit offenen und pluralen Gesellschaften. Es ist auch ein Schlüssel für den Konflikt Chinas mit Religionen, zumal mit der katholischen Kirche, die eine Weltkirche ist. Sie bleibt ein schwieriger Partner für China, weil sie einflussreich ist und Autorität beansprucht. Die weltweite Präsenz macht sie zugleich interessant. Mit ihr ist eine lange Tradition von Prozessen der Inkulturation verbunden. Sie hat Erfahrungen mit der globalen Welt, die niemand sonst hat.

Ich erinnere mich an eine Rede von Erzbischof Gallagher in Rom zu den Beziehungen des Heiligen Stuhls mit China. Die Haltung, mit der der Heilige Stuhl in die Gespräche gehe, beschrieb er so: Man bleibe ganz katholisch und adäquat chinesisch. Daraus spricht das Selbstbewusstsein derer, die schon manchen schwierigen Partner hatten. Erinnert sei an die Zeit des Kalten Krieges und die Ostpolitik des damaligen Kardinalstaatssekretärs Agostino Casaroli. Mancher Kommentar von damals ist vergleichbar mit den skeptischen und ab- lehnenden Bewertungen heute, die zum Verhalten des Heiligen Stuhls im Blick auf China abgegeben werden. Damals wie heute muss man schließlich bedenken, dass die Diplomatie des Heiligen Stuhls eine einzigartige Unabhängigkeit hat, weil die katholische Kirche nicht Mitglied in Bündnissen ist, aus denen sich Bündnispflichten ergeben. Sie ist ein Unikat und kann entsprechend handeln: ganz katholisch und adäquat eingestellt auf den jeweiligen Partner und einen offenen Dialog. Niemand soll glauben, dass die Diplomaten des Papstes nicht sehr genaue Vorstellungen und klare Ziele mit einem Dialog verbinden. Sie haben zur Zeit ein ähnliches Verhältnis wie die Chinesen, es wird nichts kurzfristig angelegt. Die Strategien sind langfristig zu verfolgen. Der langjährige Bischof von Shanghai, Aloysius Jin, den ich im April 2008 besucht habe, beklagte in einem Gesprächsbuch (Christus in China, Freiburg 2012): „Es gibt keine Theologie mit chinesischen Charakterzügen. … Die Inkulturation der Theologie ist notwendig.“ Er sprach davon, dass Entwicklungen in China nur in kleinen Schritten und über lange Zeiträume möglich sind. Er erläuterte die Entscheidung der offiziellen Kirche zum Dialog und gegen den Widerstand. Er tat das mit dem selbstbewussten Hinweis, das Evangelium fordere dazu auf: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21).

Aloysius Jin entstammte einer alteingesessenen katholischen Familie in Shanghai, hatte in Rom studiert, pflegte enge Kontakte zur Familie des Kölner Künstlers Georg Meistermann und hat 27 Jahre im Gefängnis gesessen. Ich habe ihn als ein lebendiges Beispiel für das in Erinnerung, was mit der Verbindung „ganz katholisch und adäquat chinesisch“ gemeint sein kann. In dem Gesprächsbuch sagte er auch: „Sie sehen, man darf also nicht blind gehorsam sein. In China braucht man zunächst patientia, also Geduld, dann braucht man constantia, sagen wir Beständigkeit oder Durchhaltevermögen, und zuletzt Takt. Nur so kann man seine Ziele erreichen.“ Das ist ein paar Jahre her. Es mag schwieriger geworden sein. Ich bin davon überzeugt, Bischof Aloysius Jin würde es heute nicht anders sagen. Er ging damals übrigens davon aus, dass es ein Prozent Katholiken in China gebe. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren gestiegen, lassen sich aber schwerlich genau beziffern.

Der Weltkirche können Millionen Katholiken in China nicht gleichgültig sein. Ebenso wenig kann sie ignorieren, wer dort die Bischöfe sind. Das ist nicht erst heute so. Bereits Papst Johannes Paul II. war stark an einem Gesprächsfaden mit China interessiert und wollte neue Beziehungen zu China aufbauen. Darüber schreibt Andrea Riccardi, der Begründer von Sant’Egidio, in einem Text, der vor wenigen Monaten in Italien in einem Buch über das Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und China erschienen ist. Er ruft die Heiligsprechung der chinesischen Märtyrer am 1. Oktober 2000, dem Nationalfeiertag der Volksrepublik China, in Erinnerung, die zu erheblicher Verärgerung in China geführt habe. Danach sei der Papst offenkundig bemüht gewesen, Botschaften der Wertschätzung zu senden. Dazu gehörte im Jahre 2004 eine Begegnung des schwer kranken Papstes mit chinesischen Intellektuellen in Rom, die ihn nach Peking einluden.

Riccardi schreibt dazu: „Auch wenn er ermüdet und gebeugt war, erwachte er aus einem scheinbaren Zustand der Benommenheit und nahm die Einladung mit begeisterten Worten sofort an.“ Riccardi selbst konnte dann 2005 in China die Angst chinesischer Führungskräfte bemerken, Papst Johannes Paul II. könne einen Einfluss auf das chinesische Volk haben, vergleichbar mit seinem Wirken in Osteuropa.

Einen Meilenstein für den Dialog schuf Papst Benedikt XVI. mit seinem Brief an die chinesischen Katholiken im Jahre 2007. Riccardi schreibt über diesen Brief: „Der Brief Benedikts XVI. blickte weise auf den chinesischen Katholizismus in seiner Gesamtheit und erfasste verschiedene Welten, die verschiedene Geschichten mit den zivilen Machthabern hatten und Protestbewegungen bei der Bevölkerung auslösen könnten. Er suchte eine neue Sprache, um den Wunsch nach Befriedung auszudrücken. Er schlug zum Beispiel vor, eine Vereinbarung mit der Regierung zu suchen, um Bischofsernennungen zu ermöglichen.“ Dieses Dokument, das nun unterschrieben ist, nennt Riccardi „eine Premiere und den Beginn regelmäßiger Beziehungen zwischen der Kirche in China und der Universalkirche“. An diesen wenigen Ereignissen aus drei Pontifikaten wird deutlich, dass das Interesse am Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China seit Langem besteht und der Dialog an Intensität gewinnen wird.

Ist dieser Dialog nun Verrat, Naivität oder Zynismus? Ich bin der Überzeugung, dass diese Bewertungen nicht zutreffen. Gerade jetzt, in der deutlich fragiler gewordenen Situation einer multipolaren Welt, in der Europa sich mehr zerlegt, als dass es mit einer selbstbewussten Stimme redet, in der China den Anspruch erhebt, an die Spitze aller relevanten Entwicklungen zu kommen, und in der das Verhältnis zwischen den USA und Chi- na in einer gefährlichen Weise eskaliert, ist der Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und China bedeutsam und kann vermittelnd wirken. China ist mehr als die Kommunistische Partei. Das chinesische Volk ist mehr als eine von oben dirigierte Bevölkerung. Die junge Generation in China ist zunehmend international erfahren und wird daraus ihre Schlüsse ziehen. So kompliziert es gerade wirkt und ist, so sehr braucht China selbstbewusste Gesprächspartner, die in keiner Konkurrenz zum Land stehen und erfahren sind in der globalen Welt. Das trifft auf die Weltkirche zu.

Dieser Beitrag ist zuerst in der Herder Korrespondenz 06/2020 (S. 13-15) erschienen. Das Bild zum Artikel ist ein Screenshot des Titelbildes der genannten Ausgabe.

Folgende Bücher werden zitiert:

Liao Yiwu: Gott ist rot. Geschichten aus dem Untergrund – Verfolgte Christen in China, Frankfurt 2014.

Zhao Tingyang: Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, Frankfurt 2020.

Aloysius Jin: Christus in China. Im Gespräch mit Dominik Wanner und Alexa von Künsberg, Freiburg 2012.

Agostino Giovanili und Elisa Giunipero (Hg.): L’Accordo tra Santa Sede e Cina. I cattolici cinesi tra passato e futuro, Vatikanstadt 2019 (Übersetzung der Zitate aus dem Text von Andrea Riccardi mit freundlicher Unterstützung der Comunità Sant’Egidio).