Die grosse Woche der Emotionen

Christen eint die Botschaft von Leiden, Kreuz und Auferstehung

Mit dem Palmsonntag beginnt eine Woche der großen Emotionen. Jubel, Hass und Verrat liegen nahe beieinander. Es ereignet sich ein Drama, das die Weltgeschichte seither seit über 2000 Jahren beschäftigt. Wenn wir in Kirchen, Kapellen, an Wegen und auch in unseren Häusern auf Kreuze schauen, dann erinnern sie uns an das, was damals geschehen ist.

Jesus, der Sohn eines Zimmermanns, stellt bislang nicht gekannte Fragen, begegnet Menschen anders, als sie es gewohnt sind, spricht von einem Leben in Fülle und wird von den Hütern der bestehenden Regelwerke als Bedrohung empfunden. Sie wollen ihre Ordnung nicht riskieren, weil Menschen von diesem Jesus aus Nazareth begeistert sind.

Sie wollen sich auch nicht von ihm befragen lassen. Sie sind vor allem von der Frage verunsichert, von welchem Geist ihre Ordnung  und ihr Handeln geprägt ist. Er stellt sie ihnen dennoch immer wieder und die Begegnungen mit ihm werden auch deshalb als Provokation empfunden. Er will, dass aus Gewohnheiten Überzeugungen werden. Er will keinen Bruch mit dem Bisherigen. Er wirbt für einen anderen Zugang zu den bestehenden Ordnungen. Das reicht, um ihn ans Kreuz zu bringen.

Es beginnt mit Jubel, wie so oft im Leben. Menschen stehen mit Palmzweigen am Strassenrand, als Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem einzieht. Sie empfangen ihn wie ihren Erlöser. Der Palmsonntag hat mit seinen Palmprozessionen an manchen Orten, meist draussen in der freien Natur des Frühlings, eine freundliche Ausstrahlung. Es wird aber nur wenige Tage dauern, bis auf den Jubel der Verrat folgt. Noch kürzer ist der zeitliche Abstand zwischen Verrat und Kreuzigung, die die Menschenmenge förmlich herbei schreit. Danach tritt Stille ein. Es ist die Stille des Karsamstag, des einzigen Tages im Jahr ohne Gottesdienste, ein Tag der leeren Kirchen und eines tiefen Schweigens.

Das Drama endet tödlich und doch auch nicht. Am Ende sind es die Frauen, die als erste zum Grab gehen und denen gesagt wird, das Grab sei leer. So schallt im Licht des Ostermorgens der Ruf: „Der Herr ist erstanden.“ Die Frauen erzählen es den Männern. Die wollen es nicht glauben. Erst als sie selbst am Grab stehen, beginnen sie zu ahnen, dass etwas geschehen ist, das die Welt erneuern wird. Es hat sich etwas ereignet, das die Perspektiven des Menschen fundamental verändert: Am Ende steht kein unausweichliches Scheitern. Nichts von dem, was wir gelebt haben, geht verloren. Alles ist aufgehoben.

Ein solches Drama, das am Ende eine so unerhörte Wendung hin zum Leben nimmt, das die Welt verändert und dem Menschen eine neue Perspektive gibt, gibt zu denken und weckt grosse Emotionen. Über 2000 Jahr danach wird vom Christentum in Europa immer häufiger so geredet, als sei damit eine grosse Idee der Vergangenheit gemeint, die sich dem Ende zuneigt. Dafür gibt es viele Gründe. Schlechte Erfahrungen mit den Kirchen, Skandale in den Kirchen, Lebensoptionen, die jenseits einer Religion gewählt werden, kulturelle Entfremdung, eine Sprache, die für Insider geeignet, ansonsten aber eher unverstanden bleibt. Analysen gibt es zuhauf.

Europa ist zudem der Kontinent, auf dem lange Zeit angenommen wurde, Religion sei kein Zukunftsthema, eine säkulare Welt mit ihren Deutungsmustern aus der Wissenschaft werde zukünftig alleinige Relevanz haben. Heute wissen wir, dass es anders gekommen ist. Religionen haben in dieser globalen Welt an Bedeutung gewonnen. In manchen Regionen der Welt sind sie bedeutsame politische Faktoren. Papst Franziskus hat erst jüngst während seiner Reise in den Irak  und auch schon zuvor gefordert, dass die Religionen gemeinsam stärker als Friedensstifter wirken. Er ist es auch, der eine hohe Autorität in der Wissenschaft geniesst angesichts seines kritischen Blicks auf das geltende Verständnis von Wohlstand, Fortschritt und Wachstum. Es gibt also gute Gründe, nicht andauernd das Ende des Christentums zu beschwören, sich vielmehr Gedanken über seine Zukunft zu machen und dabei auch seine Anfänge in den Blick zu nehmen. Sie waren bescheiden und auch damals schon umstritten.

Menschen sind diesem Jesus von Nazareth  gefolgt, weil sie bei ihm  einen Respekt vor dem Menschen und eine Liebe zum Menschen  erlebt haben,  die für sie eine durch und durch neue Erfahrung gewesen ist. Nach 2000 Jahren ist das Christentum angreifbar, bis in die jüngste Zeit hinein. Die Kirchen haben Schuld auf sich geladen und bleiben immer wieder unter ihren Möglichkeiten –  so, wie wir als einzelne Christen auch. Das Christentum hat zugleich zu allen Zeiten durch Menschen und ihre Berufung heilend und heilsam gewirkt, den Menschen und seine unverwechselbare Würde gegenüber jenen verteidigt, die davon nichts wissen wollen.

Diese Tage, die uns zu den grossen Ostergeheimnissen führen, liegen schon zum 2. Mal in der Zeit der Pandemie. Diese Zeit hat viel geklärt und auch aufgedeckt. Sie zeigt uns Schwächen auf, auch falsche Prioritäten, und sie beschleunigt Veränderungen. Es ist eine Zeitenwende. Gerade deshalb ist es auch die richtige Zeit, den grundlegenden Fragen unseres Lebens nicht auszuweichen, nach unseren Quellen zu fragen und danach, was unsere künftigen Prioritäten sein werden.

Es ist auch eine gute Zeit für die Kirchen, über ihre künftigen Prioritäten nachzudenken. Es braucht bei aller Liebe zur Tradition mehr Neugierde auf die Zukunft. Mehr noch: die Tradition hat keine Chance, wenn sich nicht mehr Geistesgegenwart entwickelt für das Leben von Menschen heute, ihre Gedanken und Hoffnungen, ihre  Sehnsucht und Einsamkeit,  aber auch ihre Kreativität und Gestaltungskraft. Es prägt nicht nur der Glaube das Leben. Es prägt auch das Leben den Glauben. Wie zu allen Zeiten, so können die Kirchen auch von dieser Zeit lernen.

Papst Franziskus sagt es so: „Das Denken der Kirche  muss wieder Genialität gewinnen und muss immer besser begreifen, wie der Mensch sich heute begreift, ums so ihre eigene Lehre besser zu entwickeln und zu vertiefen.“ (Interview mit Antonio Spadaro, 2013) Geistesgegenwart und besseres Verständnis wachsen beim Wechsel der Perspektiven – von den Zentren an die Peripherien. Die Hybris der Zentren einzutauschen gegen die Bescheidenheit, die an den Peripherien zu finden ist – das kann helfen, zu neuen Prioritäten zu kommen.

Schließlich: Heute vor einem Jahr gingen die eindrücklichen Bilder von Papst Franziskus auf dem regennassen und leeren Petersplatz in Rom um die Welt – betend vor dem Pestkreuz, das aus einer Kirche in Rom eigens auf den Petersplatz gebracht worden war. Er betete, fand Worte des Trostes, spendete den Segen Urbi et Orbi und lies die Menschen spüren, wie sehr er mit ihnen leidet.  Solidarität im Leiden ist die vielleicht stärkste Kraft, die von der Botschaft der nächsten Tage auf das Osterfest hin ausgeht.

 

Der Beitrag erschien am 27.03.2021 in der Sächsischen Zeitung.

Bild: Screenshot von der Liturgie vom 27.03.2020. Papst Franziskus auf dem leeren Petersplatz, übertragen Vatican News.